Hallo zusammen, Dante ist auf der finalen Etappe seiner Reise und Weniges nur trennt ihn noch von Théudísk. Weniges, aber Unangenehmes.
»Nimm diese Röhre, die Worte dazu.«, flüsterte sie verschwörerisch.
»Der Weg ist noch weit und manches Mal schon kann das Wasser dir versiegen.
Trinken musst du und and’res gibt’s, um deine Zunge zu befeuchten.
Hab’ Acht jedoch, gefährlich ist’s: In erster Linie stärkt’s den Geist,
Weckt Kräfte, die verborgen sind, um das letzte Stück des Wegs
Nach Théudísk hinaufzuschreiten. Trink vom Satzbaum, wenn’s bei Weitem
Die einz’ge Alternative ist, die dir bleibt, zu überleben.«
Dante verließ den Eschenfelsen, den blaubegrundeten Nymphenhain,
Als Aurora den Horizont mit ihrem roten Haar bedeckte.
Er dankte den Nymphen für ihre Geduld und ihre Sorge in all der Zeit.
Sie lächelten, winkten und blickten ihm nach, wie zwischen den
ragenden Stämmen des Waldes
Er seinen Weg zum Schlosse nahm. Sie hatten die Richtung und den Pfad
Gewiesen zwischen den tanzenden Blättern und lichter werdenden Kronen, sodass
Dante mit dem Segen der Nymphen guten Mutes des Weges schritt.
Sénanú noch im Wald zu finden, wagte Dante nicht zu hoffen,
Und hoffte, dass sie ihn nicht suchte, sondern schon voran gegangen,
Um das Schloss schnell zu erreichen, bevor die Wege den Schneeweh’n weichen.
Hätt’ sie seinetwegen ihr Leben, um Dante da draußen zu finden, riskiert,
Wär’ Schlimmes ihr im Walde gescheh’n, Dante hätt’ es sich nie verzieh’n.
So manches Mal bewegt’ er im Herzen diesen Gedanken noch, während die Meilen
Unter seinen Füßen schwanden. Sie hatte ihn begleiten müssen,
Als Wahnsinn ihn befallen hatte. Er wollte ihr danken und gerne auch zeigen,
Dass Verrücktheit ihm nicht eigen. Er war nun seiner Sinne Herr.
Er hofft’, sie wollt’ ihn wiedersehen und meiden nicht, das ertrüg’ er schwer.
Doch bald schon würde er Antwort erhalten! Umweht von wachsenden,
schneidenden, kalten
Winden trat er auf ein Plateau, des gebotenen Anblicks nun mehr als froh:
Thé-u-dísk! Das Schloss der Sprachen, erhob sich vor Dante in aller Pracht.
Es strebten hoch die Türme auf, in deren leuchtend roten Dächern
Die Spätherbstsonne glitzert und lacht. Rund und eckig ruhten die Türme
Auf schweren Bauten – oben verwinkelt –, dennoch ruhig und nicht verspielt.
Geschwungene Linien, spitze Bögen, luden das Auge zu folgen ein.
Der Anblick war ihm Augenweide. Unten wurden die Mauern breiter,
Die Quader größer, die Zierden gröber, die Bögen runder. Archaisch wirkte,
Der Unterbau von Théudísk. Mauern umgrenzten das Plateau
Unter dem Gipfel, der im Norden die Ansicht des Schlosses überragte.
Im Westen stand das Tor, eine Brücke spannte sich dort über gähnende Schlucht
Und fern fiel dort schön glitzerndes Wasser neben dem Tor hinab und floh
Durch ein weiteres Tal, das den Weg dem eifrigen Wand’rer so klaffend versperrte.
Wasserreich schiebend schon hatte der Strom sich eingeschnitten und steil waren
Die Hänge der Berge zu beiden Seiten.
Es führte hier links im steten Zickzack
Ein Pfad ins rauschende Tal hinab. So konnt’ er auf der letzten Etappe
Noch einmal seinen Schlauch auffüllen und musste nicht, wie er befürchtet,
Den Rest des Tages dürsten und dörren.
Er machte sich auf, es zog ihn sehr
Nach Théudísk, dem Schloss der Sprachen. Erreichen wollt’ er das hohe Tor,
Die Gänge erkunden, die weiten Hallen bestaunen und die Säulen fühlen,
Die Türme erklimmen, in Büchern wühlen, die Türen öffnen und
hinter sich schließen,
Die Stille verlassener Räume genießen und am Kamin mit Honigwein
Bücher verschlingen und endlich sein – nein – ihr Buch, das lief und
manchmal summte,
Verstehen, entziffern und derart den Weg, den sie ihm einstmals zugedacht,
Ausprobieren, um dann zu entscheiden, ob es das war, was ihm entsprach.
Gepackt von der Freude auf baldige Ankunft verlor er die Zeit nicht und
rannte hinab,
War unten am Strom ganz atemlos und gut erhitzt vom schwinden Lauf,
Dass vollends sich in den Strom zu stürzen, verlockend wäre. Doch
– weislich – darauf
Verzichtete er, denn pfeifende Winde hätten ihn ganz ausgekühlt.
Vor sich sah er eine Furt. Monolithen, zwei Menschen lang,
Lagen darin. Von Stein zu Stein war’s Wasser einen Schritt nur breit.
In der Mitte hielt er inne und beugte sich zum Wasser herab,
Um vom Strom zu trinken und dann den Schlauch zu füllen, doch leider kam
Er zu beidem nicht.
Ins Gesicht fast sprang aus der Gischt ein riesiger Fisch!
Mit seiner Säge an Nases statt, da hat er Dantes Nase fast
Verkürzt, hätt’ er nicht im letzten Moment noch deren Spitze vom Wasser getrennt!
»Brrrrrr, rrrattadammm, wer will denn so dreist den brennenden Rachen
hier löschen und feist
Mit reinstem Wasser und allen Segen dem Weg hinauf zum Schloss zustreben?!
Das wär’ zu leicht! Wer spricht, kann auch leiden und klebender Zunge nur atmen
und schweigen!«,
Sprach der Fisch im laangen Flug und tauchte hinab in die schäumende Flut.
Was war das?! Ein sprechender Fisch?! Er hätte ihn beinah entsetzlich erwischt!
Er saß auf dem Stein, er kauerte dort, beschaute das Wasser und lauerte fort,
Ob er einen Angriff erneut zu fürchten hatte und weil er sich scheut’,
Seine Nase zu verlieren, griff er zum Schlauch, dem mahnenden Gieren
Seines Rachens mit Zwischenschritt Genüge zu schaffen. Doch hat er wohl mit
Der List dieses Fisches nicht gerechnet, denn heimlich und leise hat dieser gehässig
Den Schlauch im Wasser angesägt. Als Dante ihn aus dem Strömen zog,
Zerriss er in zwei Teile und war für den letzten Anstieg unbrauchbar.
Dante fluchte laut und wollte mit seiner Hand das Wasser schöpfen,
Doch stach das miese Ungeheuer den Rücken der Hand und brennend wie Feuer
Zog er sie aus kaltnassen Fluten.
»Was verleidest du mir zu trinken?!
Was nimmst du mir mein Recht auf Wasser, du elender Fisch, deine Säge
soll stinken,
Faulen und modern, dir abfall’n und sinken möge sie zu Wassers Grunde!
Vergelten sollst du meine Wunde und erleidest du nicht zu dieser Stunde
Unglück als Sieger im sinnlosen Streit, soll der Fluch dich finden und bald
Bist du Verlierer und ich Gewinner! Ich –« er hielt, brach ab und noch schlimmer
Wären seine Worte geworden, hätte ihn die klebende Zunge
Nicht gemahnt, das Wasser zu schonen, das noch in seinem Körper war.
Wutentbrannt übersprang er die Steine und zog beleidigt und dürstend Leine,
Fest entschlossen ein weiteres Mal wiederzukehren, um diesem Aal
Von Ekelpaket dann heimzuzahlen, was grade er erlitt an Qualen.
Er eilte weiter hinauf und hofft’, er könnt’s bis zum Schloss noch irgendwie schaffen.
Traurig versank der zankende Fisch nach dieser Tirade in kaltnassen Fluten.
Er kannte den Ärger, er kannte das Fluchen, doch niemals zuvor hat’s jemand getan,
Der solch ein Buch am Gürtel trug. Es hatte den Fluch, den er gesprochen,
Zum Netze gewoben und nach ihm geworfen. Er hatt’s zwar gesehen,
doch hat’s ihn gestreift.
Schon einige mächtige Menschen haben die Furt überquert und ihnen weicht
Er aus und hält sich am kühlen Grunde. Doch der war der erste, der seine Macht
Nicht kannte und doch zum Einsatz bracht’. Unwissenheit –
beschwerlich, gefährlich.
Ach, zu steil war dieser Weg! Und der Rachen, er plagte ihn!
Er hatte geschwitzt, er triefte vor Schweiß, als hätte er ein Bad im Meer
Genommen und daraus getrunken. Er schmeckte nur Salz und jegliche Reste
Von Wasser waren gänzlich entwichen. Durst war das jedoch mitnichten.
Dante hatte einen Brand, wie zuvor er ihn noch nie
Verspürt hat und auch nie seitdem jemals wieder spüren würde.
Wasser zum Löschen nur war sehr fern – dieser gottverdammte Fisch!
Und einen Quell, erquickend und kalt, sah er um sich nicht im Wald.
Verzweifelt seinen Durst zu stillen, in diesem Moment den Rachen zu füllen,
Verlangte er mit aller Macht. Und da erinnerte er die Lehre
Der Nymphe, dass, wenn man’s begehre, auch ein Satzbaum Lind’rung schuf.
Er kannte zwar die latenten Gefahren, doch diese war’n ihm völlig gleich
In Anbetracht dieses fischigen Streichs.
Sieh! Schon war sie angerissen,
Die Rinde, und hineingedrückt das kleine Rohr. Es quoll hervor,
Nachdem er jene Worte sprach, die den Satzbaum öffneten:
Das Mark, der Nektar, die Baumessenz. Dante setzte die spröden Lippen
An und trank. Er trank das Mark. Er schmeckte das Wort und das Verständnis,
Das die Lippen zuerst benetzte. ›Kühle‹. Ach, so angenehm
Warf es einen Mantel aus über den Brand in seinem Rachen.
›Schatten‹, ah, das war das zweite, das schirmte vor der kehligen Dürre,
Die in seinem Innern war. ›Nacht‹ verschaffte ihm die Ruhe,
Wenn die ersten Flammen gelöscht. ›Kälte‹ schmeckte er als nächstes,
Die über die schwelenden Stellen kroch, sie erstickte und erfror.
So wahrhaft überwältigend war die Macht aus diesem zartjungen Baum!
Sie füllte und befreite ihn von den Klammern an seinen Gliedern.
Jeder Gedanke ein Messerschnitt! Die stumpfen Augen begannen zu leuchten.
Er sippte nicht mehr vorsichtig. Gierig saugte er das Mark
Aus der Tanne und lässt das Bäumchen erst verkümmern, dann verdorren.
Schlaff und welk fiel es danieder, geschlachtet fürs Mark ein junger Traum.
Dante lief erfrischt und kräftig den Berg hinan, doch immer wenn
Er dacht’, er müsste die Mauern des Schlosses über sich ragen und wachsen sehen,
Sah er nur weitere Bäume und Büsche, dichter werdend, je höher er stieg.
Schon fiel das rote Abendlicht ganz schräg von der Seite in seinen Rücken
Und immer noch gelang es ihm nicht, mit seiner Ankunft sich zu beglücken.
Ratlos saß er auf einem Steine und grübelte hölzern Bein mit Beine,
Worauf der Ellenbogen gesetzt; die Hand, die Kinn und Wange fasst,
Stützte das brütend schwere Haupt. Was machte er falsch, wieso war der Weg
Noch immer so weit, das Schloss nicht in Sicht, sein Körper erschöpft und alle Welt
Gegen ihn gemein verschworen? Wär’ er nur mit Sénanú!
Sie hätte ihm den richtigen Pfad hier sicher gewiesen, sie wären schon längst
Angekommen und endlich im Bett. Doch saß er hier und wusste nicht, hätt’
Er irgendwie anders den Weg eingeschlagen, würde er dann nicht
am Berghang verzagen?
Ratlos nahm er Theóphanús, mal laufendes, mal summendes Buch,
Öffnete es und fragte sich nun, warum es nichts tat. Warum blieb es stumm,
Wenn Hilfe wirklich nötig wäre, lief aber weg über klickende Wege,
Wenn man gar nicht damit rechnet? Lange schon trug er’s und nichts war klar
Außer dem ersten Gedicht…
Da stellte Dante sich vor, das Sénanú,
Theóphanú, Ruówanú nun bei ihm säßen auf diesem Stein
Und mit ihm sängen, denn diese Zeilen verbanden ihn mit den anderen drei’n.
»Bist du…«, hob er an und sang noch zaghaft erst, doch mutiger werdend
In die Stille der Bäume hinein. Die Stimme trug das Wort, der Wille,
Anzukommen verlieh ihnen Flügel. Wortánna empfing sie und schon gab der Hügel
Sein Echo der Worte zurück und schuf im abendlichternen, feurigem Glanz
Dem Lied, den Worten, des Reisenden Wunsch Bühne, Raum und Resonanz.
Es rückten die Stämme, es bogen sich Zweige, ein Busch wurd’ lichter und
höflich und leise
Gab Wortánna den Weg, den Blick zur Brücke hinauf dem Wanderer frei.
Und Dante wandelte immer noch singend durch des Waldes neuen Spalier:
Der Weg nach Théudísk war stets im Buch, in ihm, war jetzt, war hier.



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