Red-haired adventurer floating above a moss-covered underwater ruin

Kapitel 31: Stein im See

Hallo zusammen. Es ist lange her, dass ich mich gemeldet habe und die Besucherzahlen sind, oh Wunder, völlig eingebrochen. Aber zu viel anderes hielt mich vom Schreiben ab, Vorträge, Krankheiten, emotionale Blockaden und das Wissen, dass dieses Kapitel wirklich zur Geschichte und zur Figur passen musste. Von meiner ursprünglichen Vorlage ist deshalb fast nichts erhalten geblieben. In vielen Stunden neu entstehen musste dieses Kapitel, von dem ich hoffe, dass es euch gefallen wird. Auch das nächste wird wieder einige Zeit dauern, ich hoffe, ich finde langsam in meine produktive Phase zurück.

Es gab einen Stein im See der Nymphen: kahl und groß genug für drei.

Wenige Ellen nur machte er sich vom Spiel der plätschernden Wellen frei.

In seiner Mitte eine Kuhle, schräg geneigt, sodass der Regen

Darin nicht blieb, stattdessen aber eilends dem klärenden See zutrieb.

Das war der Ort, an dem Dante harrte: nackt und elend und verstört.

Dort nur konnte er länger weilen und seinen Schatten zur Gänze ergießen,

Ohne dass der Wald verdarb, indem seine Gifte flugs in ihn fließen.

Den See, den konnt’ kein Schatten trüben, solange die Nymphen ihr Handwerk übten

Und jene, die sich selbst gefährden, läuterten. Nicht können Nymphen

Verbogen werden von Ängsten, gehegt in Finsternis und steinernen Kammern.

Sie kannten im Geiste keine Schatten, wo andere Ängste verborgen hatten.

Íhnen waren geistige Hallen steinern nicht, doch klar und kristallen.

Über den See zu Dante geflochten kam eine Nymphe aus Rankenwerk,

Ihm zu entknoten, was in ihm sich staute, den seidenen Faden hinaus ihm zu zeigen:

»Den Wahnsinn, der dich schon befiel, hat teils das Wasser dir genommen.

Die Fänge, die dich hierhergetragen, ließen absichtlich ins Wasser dich kommen.

Der Banne drei sind in dir verworren, verstrickt, verknotet. Der älteste

Ist Boden für die jüngeren zwei. Diesen zerstöre zuerst und sei

Bewusst dir, dass nur du allein ihn auf dich genommen, da du kein

Wort über ihren Tod verlorst, die Trauer verbanntest an einen Ort,

Der dunkel war und ohne Licht. Dort unten gor sie zu Wut und nicht

Fehlte sie, als du die Fenster im Hause brennen sahst. Sie gab

Nahrung deinem Wahn zuhauf.«

Es wallte in Dante Genugtuung auf,

Wie der flehenden Fenster er im Hexenhaus gedachte dann.

Er wollte grade sich darin suhlen, ums Kribbeln auf seiner Haut grad buhlen,

Als die Nymphe entschlossen ihn packte, in den See warf mit solcher Kraft,

Dass er nicht tauchte, stattdessen das Wasser durchschlug wie ein Komet die Nacht.

Als Dante prustend hervor wieder kam, den Kopf geklärt vom läuternden See,

Zog sie ihn mit knotiger Miene zum Stein zurück, doch setzt’ ihn nicht drauf,

Doch nahm eine Flechte aus ihrem Körper und fesselte ihn im Wasser am Stein.

»Im Wasser bleibst du die ersten Tage, bis den Wahnsinn du abgestreift.

Sorge dich nicht, wir haben Sud aus Kräutern und Pilzen, den einzuflößen

Wir gewiss nicht säumen werden. So bleibst du warm im kalten Wasser.

Bist du soweit, um auf dem Stein zu sitzen, wird die Fessel sich lösen.

Der Rest kommt, wenn du dann bereit, die nächste Hürde zu nehmen.« Und gleich

Flocht sie sich durchs Wasser zurück und Dante blieb am Stein allein.

Er fragt’ sich, wie’s gelingen konnte und sollte, den Wahnsinn aus seiner Seele

Zu waschen, zu streifen, ihn abzulegen. Er stellte sich vor, wie er erneut

Vor dem brennenden Hause stand, sich labte an der Fenster Leiden.

Und spürte er den grimmigen Trotz, so spürte eine Ranke er

An den Füßen. Sie packte die Knöchel und zog ihn hinab. Er konnte noch grade

Atem schöpfen, da war sein Kopf im See und dort, wo Trotz noch grade

Züngelte, da spürte er sogleich einen Knoten tief in der Brust

So massig und fest und ungeheuer, monströs, verworren und elend massiv.

Er wusste: Dieser musste sich lösen, war Wortánna zu meistern ihm lieb.

Mit diesem Gedanken lies die Ranke die Knöchel frei, er kam hinauf und

Holte Luft, hier oben noch immer an den Stein gebunden, sodass

Grade Mal der Kopf und die Schultern dem Wasser entrannen an herbstfrischer Luft.

Wie oben er an den Knoten dachte, bekam er Angst vor ihm und wollte

Lieber nichts davon mehr wissen. Er wandte sich in den fesselnden Flechten,

Die unnachgiebig nur fester sich zogen, und floh sich in den Anblick der Fenster,

Der brennenden und jammernden. Ach, das Leid! Dem Klammernden

Gab es Trost! Und grimmiger Trotz erfüllte ihn. Die Ranke, sie kam,

Sie packte die Knöchel und zog ihn hinab und wieder war der Trotz hinfort.

Zurück blieb nur der große Knoten: monströs, verworren, elend massiv.


            »Ich weiß, du bist zurecht verstummt. Deine Sprache kann nicht fassen,

Was in deiner Seele du fühlst. Das ist in Ordnung, denn, ach, Worte,

Sie scheinen so schwach und ungenügend, geeignet nur, sich anzulügen.

Doch Funken der Wahrheit, sie leben in Lügen und übst du nur, die Worte zu fügen,

Werden sie von Mal zu Mal schon kräftiger. Sind Hunde erst,

Die mit eingezog’nem Schwanz noch scheu umkreisen das Ungeheuer.

Doch nehmen sie’s in Augenschein, so weicht die Angst, ein kleines Feuer

Erwacht in ihnen und enger umringen sie das Ungetüm und dringen

Mut’ger vor und endlich zwingen, die Hunde – nunmehr zu Wölfen geworden –

Den Schrecken, sich völlig zu entblößen, sie schnappen nach ihm und dabei flößen

Sie Kraft sich ein und endlich sehen den Schrecken sie, doch ohne zu schrecken

Und sollten sie auch niemals ganz das Ungetüm verschlingen können,

So können sie’s doch bewachen, bezähmen, mit geifernden und

schnappenden Zähnen

Genau dort halten, wo es ist, und sorgen, dass es nicht frisst und wächst.

Suche nach den wolfenen Worten. Dein Schrecken ist groß, doch nicht verhext.«,

So sprach die Nymphe, ein nebliger Geist, der vor ihm auf dem Wasser schwebte.

Dante brachte nur Schweigen hervor. Es sprach aus dem, der die Sprache verlor.


            »Wenn du tauchst, was siehst du dann, in dir, wovon dein Wahnsinn gerne

Abzulenken sucht?« So fragte eine Nymphe aus Eiskristall,

Zu einer weißen Wolke geballt und Ansätzen einer schönen Gestalt.

»Einen Knoten.« Mehr sprach er nicht. Und dazu brauchte er viel Gewalt.


»Und wenn du sagen müsstest, woraus der Knoten besteht, was wäre es?«,

Fragte die geflochtene Nymphe, als sie ihm den Sud einflößte

Später am Tag, als das Abendlicht den See zum gleißenden Spiegel machte.

Er wollte sprechen, doch kamen sie nicht, die zaudernden Worte über

brüchige Lippen.


            »Die Wahrheit ist, ich habe Angst. Angst, was passiert, wenn die Trauer mich

Packt und hält und jede Kontrolle über mich selbst hinfort gespült

Mich eins werden lässt mit den Tränen, die fließen, fließen und fließen und

niemals wird

Der Strom versiegen; die Trauer, unendlich, wird endloses Leid nur nach sich ziehen.«,

So sprudelten Worte im ersten Schwall nach Tagen ohne Laut und Schall.

            »Wenn in dir Mut ist, weiterzuleben, wenn in dir Mut ist, nach etwas zu streben,

Wird der Strom der Tränen versiegen und eine Flamme wirst du finden,

An der du dich entzünden kannst.«, sagte die wässerne Nymphe zu ihm,

Die grade ihm den Trank einflößte, damit der Körper im Wasser nicht darbte.

»Welchen Weg, meinst du, hätte sie dir angeraten, einzuschlagen?«

Dante dachte an all die Stunden, die er in ihrem Hause verlebte

Nach Wissen, Lektüre und Worten strebte, bevor sie nach Süden dann aufgebrochen,

Um wichtige Arbeit im Land zu verrichten. Wenn er einsam sich fühle, mitnichten

Würde Seufzen ihm helfen, Gedichten sollte er sein Innerstes

Anvertrauen, damit der Moment verloren nicht ginge ›Ach, wer kennt

Diese Momente denn nicht, doch nicht drum ächzen darfst du, lerne sie schätzen,

Bist den eig’nen Gefühlen du nah und weißt, was du brauchst, denn schlimmer noch

Ist es wahrlich, das nicht zu wissen.‹, hatte sie zum Troste gesprochen

Und fügte dies dazu noch an: ›Und oftmals hilft’s, sich Neuem zu widmen.

Erforsche etwas, das du noch nicht kennst.‹ Das sagte sie lächelnd und ging

ihrer Wege.

Erforschen, was man noch nicht kannte. Das war die Formel des Buches, das Dante

Aus ihrem Nachlass genommen hatte. Er schluckte schwer und sagte dann:

            »Den Weg der Dichtung, verwirklichter Sprache, Magie mit Worten zu wirken,

um dann

Schönheit in die Welt zu bringen, wie sie’s mit ihrem Lächeln tat,

Mit ihrer Klugheit, Umsicht, dem Zauber, den heimlich sie gern und unerkannt

Wob und wirkte, damit sie die Menschen, umso verzückter und freudvoller fand,

Wurden sie Zeugen von ihrer Magie. Ach Theóphanú, dass nie

Die Welt wird wahren, was vollkommen! Doch dein Erbe wahre ich

Und kehre heraus, was du in mir sahst! Dass ich lese und Zauber wirke,

Die Sprachen lerne in deinem Buch und pflege, was verloren ist,

Das war dein Wunsch an mich und ich will gerne ihm entsprechen und rächen

Deinen Tod, damit er nicht umsonst, zwar sinnlos, gewesen ist!

Ich will nach Théudísk und lernen von Zaubern auf Erden und in den Sternen!«,

So schluchzte Dante und endlich sollt’ der Knoten, der den Tränenstrom

Gestaut, gepfropft, verstopft, verbaut, verhindert hatte, endlich sich

Zu lösen beginnen. Am seidenen Faden fand Träne um Träne den schwierigen Weg

Hinaus und rann über sein Gesicht. Die Flechte entfesselte ihn und er kroch

Heulend, schluchzend, schniefend und weinend in die Kuhle und kauerte sich

Zusammengerollt wie ein kleines Kind nun auf dem Stein und greinte in Schüben

Tagelang. Der erste Schritt denn war zu erlauben der Tränen Drang.


            »Hier, deine Kleider. Leg’ sie dir an. Erinn’re dich, du bist ein Mensch.«,

Sprach eine Nymphe, geschaffen aus Laub und warmen Tönen auf ihrer Haut.

Er zog sich an, doch dauerte’s lange, denn steif war sein Körper nach so vielen Tagen,

Die ungehindert das Holz im Nacken über den Rücken zum Schenkel kroch.

Er warf seinen Blick auf die Nymphe, die ihn umflog, von den Ketten des Démiúrgen,

Der Schwerkraft, befreit. Beneidenswert.

                                                                       »Was ist es nun, was mir widerfährt?«

»Wir werden deine Gedanken erkunden, in dir lesen und sämtliche Wunden,

Die dein Geist grad in dir trägt, dir ins Bewusstsein holen und Stunden

Der Ängste, sie harren deiner. Lern’ sie kennen, denn sie kennen dich.«

            »Ich dachte, wir müssen die Banne lösen, die auf mir lasten. Ich dacht’,

das hätt’

Priorität in Anbetracht der Zeit, die bleibt, Wortánnas Weiten

Zu durchstreifen nach Théudísk.«, wendete Dante dagegen nun ein.

            »Die Banne beherrschen dich, weil du selbst die Macht über deine Gedanken

nicht übst!

Spielball bist du der anderen! Wer weiß, wer er ist, wer weiß, was er fürchtet,

Wer sich nicht windet im eigenen Schatten, sich dahin nicht wendet,

mit eigenen Waffen

Ihn zu schlagen, der wird auf immer der anderen Banne und Zauber begaffen

Und selbst nicht sein und nie was werden!«, rief die Nymphe überraschend bewegt,

Während das Laub ihres Körpers sich bauschte, in einer Windbö

geräuschvoll rauschte.

Dante verstummte und nickte ergeben: »Doch sag’ mir noch, bitte, was tun wir gegen

Meinen verholzenden Körper, ich werde mehr und mehr zu Baum und Erde.«

            »Dass du verholzt, ist Frucht deiner Ängste und rasender Gedanken. Fängst du

An, dich endlich ihnen zu stellen, wird das Holz nicht weiter schwellen,

Sondern sich zurückzieh’n, doch verschwinden wird es gänzlich nie und 

Solltest du nicht mehr mutig zu sein, spinnt das Holz dich wieder ein.«

Dante verstummte und nickte ergeben, erneut. Die nächsten Tage im Leben

Waren noch schlimmer als die Trauer. Im Himmel, da jagten die herbstlichen Schauer.

Der zweite Schritt war’s, die Ängste zu stellen, die unkontrolliert stets

aus ihm quellen.


Die Nymphen, die von Mal zu Mal nun Dante am Stein besuchen kamen,

Ihm Essen brachten, und in ihm lasen, sprachen zu ihm: ›So sei der Stein.

Sei der Stein, von dessen Fall, da du zur Ruhe ihn gebracht,

Der See nicht eine Welle schlägt. Er türmt das Wasser nicht auf, er gleitet

Ohne Laut in vollkommener Stille hinab in die Tiefen, die ihm bereitet.

Nur wenn du dich zum Schweben bringst, bevor in Ängsten du zerspringst,

Wirst im Wald du nicht verderben und selbst in seinen Schlünden sterben.

Sei der Stein in diesem See. Sei der Stein in jedem See.‹

Und Dante hatte viele Fragen: Wie sollte er, ein Mensch fürwahr,

Sein wie ein Stein, warum im See? Warúm nicht lieber ein Stein an Land?

Und wárum musste er leise fallen, ohne dass die Ufer wallen?

Oder sollt’ er sein wie der Stein, auf dem er grade einsam stand?

Unbeweglich, unbewegbar und jedes Beistands und Schutzes bar?

Lieber wär’ er wie ein Baum – ach nein, das wurd’ er grade schon

Und holzig sein war weder bequem noch irgendweislich angenehm.

Also ein Stein in diesem See. Was wär’, er würde’s wörtlich nehm’?

Er zog sich aus und vorsichtig dann setzt’ er an die Kante sich.

Erst mit den Zehen, dann mit den Füßen, den Beinen und dem ganzen Rumpf

Glitt er in das läuternde Wasser, holte Luft und ließ sich dann,

Indem er sie in einzelnen Blasen der Oberfläche entgegenschickte,

Langsam sinken, immer weiter, in die Tiefe, die alles schluckte:

jeden Laut und jedes Licht. Mit jeder Elle, die er sank,

Sank er langsam weiter zu sich, zu seinem Pol, um dem sein Denken

Kreiste wie des Himmels Gestirn um den Polarstern, den beim Schwenken

Des Blicks über alle Sternenbilder das Auge all zu leicht verlor,

Denn hell war er nicht, schon eher bescheiden, als fühlte er sich unwohl vor

Den ganzen Sternen, die um ihn kreisen. Und Dante fand in diesem leisen

Lichtlosen Raum des läuternden Sees nun seine Mitte und seinen Frieden –,

Bis er merkte, dass die Luft ihm knapp wurd’ und der Weg nur weiter

Zurück zum Stein in diesem See, auf dem er saß einst trockenen Fußes.

Panisch strampelte er nach oben, merkte wie die Lunge enger

Der Weg zurück nur immer länger. Die Stimme regte sich ohne Worte,

Und machte ihm Laute, die viel mehr sagten als jede Beschreibung der Todesangst.

Da fühlte er zu seiner Linken Seegras, das sich um seinen Arm

Wand, ihn packte mit festem Griff. Aus algengrünen Augen blickte

Eine Nymphe ihm entgegen, neugierig und tadelnd zugleich.

Dann fasste sie mit Seegrasfingern seine Wange und küsste ihn

Und gab ihm Luft so, während sie ihn nach oben zog, bis prustend er

Den Spiegel durchstieß, nach Luft jäh schnappte und hustend auf den Felsen robbte,

Wo er erschöpft erst liegen blieb.

                                                           »Und? Wie war’s als Stein im See?«,

Fragte die Nymphe, die nur mit dem Kopf aus dem Wasser schaute, und ganz

Aus wogendem Gras war sie gemacht.

                                                                       »Einfacher wär’s, ich bräuchte nicht

Luft wie ein Stein am Boden des Sees.«, sagte er trocken. »Ich danke dir,

Dass du mich nach oben brachtest.«

                                                           »Immer gern.«, sie lächelte sanft.

»Hast du was im See gesehen?«

                                                           »Frieden. Schwach und klein zwar noch,

Aber Frieden war es doch.«

                                               »Der See hilft dir, die Dinge zu sehen,

Die unsereinem klar, doch dir verbaut noch sind. Doch musst du gehen,

Bald, sehr bald und ohne den See dann wirst du finden müssen, was

Bisher du nur im Wasser siehst. Beeil dich, das Wetter dreht.«

Sie hatte Recht, auch wenn er’s hasste. Dante hatte keine Zeit.

Voran geschritten war der Herbst und neblig wurd’s und öfters kalt.

Und wollt’ er Théudísk erreichen, bevor die Pässe zugeschneit,

Dann war höchste Eile geboten. Der Winter im Wald wäre nicht sehr alt,

Eh’ ihn die Wärme verlassen hätte: Wortánna wär’ seine letzte Stätte.

Er musste lernen die Schattengestalten in seinem Inner’n auszuhalten.


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