Hallo, ihr Lieben. Ich weiß, es ist schon lange her, dass ich etwas gepostet habe und es wird auch länger dauern, bis das nächste kommt. Aber für jetzt zumindest findet ihr hier das nächste Kapitel. Viel Spaß!
Der Schlaf, wie uns die Hexen schreiben, ist Erholung nicht allein.
Er ist für das, was in uns ist, ein Auffangbecken, eine Pforte.
Erlebnisse des Tages sickern durch ihn in das Gedächtnis ein,
Sind uns nicht mehr so präsent und schaffen Raum für Ruhe. Sein
Wirken vertreibt die schweren Gedanken, baut Kammern und Paläste ihnen,
Weit entfernt in unserem Geist. Drum wähnen wir, sie seien vergessen.
Doch sie lagern – kühl ummauert – und warten lange. Lange dauert’s,
Bis sie jemand findet, rührt, wiedererweckt und auswärts führt.
Halb schon sind sie dann verwest, grässlicher als je zuvor.
Kaum noch wiederzuerkennen, steigen sie in uns’re Träume
Und dringen in die Welt hinaus, wenn im Schlaf wir Worte sprechen,
Wenn wir seufzen, wenn wir zucken, wenn wir uns mit Nachdruck gegen
Das Finstere im Innern stemmen, das wir täglich wieder verdrängen.
So und nicht anders schlief Dante im Wald, der selbst sich fürchtete und sehr bald
Sickerte, tropfte, nein, rann und ergoss sich Dantes Schatten in Wortánna.
Der Wand’rer Gedanken trinkt er gierig. Ihre Träume kann er weiden,
Worte lesen und nimmt sie auf in seine Stämme. Doch lange Leiden –
Gehütet in der Finsternis – verderben den Wald und lassen ihn kranken.
Stämme modern, Kronen wanken. Bedrohlichen und blanken Graus
Grinsen völlig verdorbene Fratzen. Sie strecken ihre Äste! Aus
Schreckerstarrten werden sogleich Schreckensstarrende Albtraumträger.
Sie sträuben sich nicht, gegen den sich zu wenden, der im Schlafen sie erschuf.
Sie recken die Wurzeln und öffnen die Schlünde, packen die Füße und ziehen ihn
Langsam abwärts in ihre Gründe. Ein Waldstück, in dem die Schatten schrien.
Weit entfernt schlief Sénanú! Ihr Bogen für Dante nicht bereit,
Keine Hexen waren zugegen, Banne auf den Wald zu legen,
Kein Menschenkind konnte Dante retten!
Ach, jedoch, wer konnte wetten,
Dass anderer Geister weite Gedanken geflügelt dort zu Boden sanken,
Wo er lag? Und lange Fänge lasen ihn auf, um Dante allen
Gierenden Wurzeln zu entreißen. Nachtwind und der Sterne Gleißen
Ließen Dante endlich erwachen, Panik entfachen: Welchem Drachen,
Greif oder and’rem beschwingten Biest nun war er in die Fänge geraten?
Er wollte sich winden, doch fester zu binden, wussten die Klauen nur all zu gut.
Befiedert, befellt und wolfsbehäuptet, adlerbeschwingt und silbergrau
Trug im weißen Mondeslicht der Lotse aus dem Nebelschrein
Dante über Wortánna hinweg. Gerettet erneut, den Schatten verscheucht
Vom kalten Wind der Sternennacht, grinste Dante selig und dacht’:
›Nimmt mich doch zu guter Letzt jemand mit auf seine Reise!‹
Er wollte jauchzen, jodeln, lachen, die Arme strecken, von allem lassen
Was am Boden ihn beschwerte. Er besah den Wald, begehrte
Höher zu fliegen und freier und zu werden, getragen von jemandes anderen Kraft
Der selva oscura enthoben zu schweben! Ach wär’s nur immer so leicht im Leben!
Wie unter ihm die Landschaft sich nun weitete, entfaltete,
Flogen sie über eine Klippe, an deren Fuße angeschmiegt,
Ein See sich barg, der allen Dingen ein vollkomm’ner Spiegel war!
Wer diesen Weiher auch nur sah, konnte sich kaum glücklicher schätzen,
Denn er zählt’ zu der ersten der letzten Wohnstätten der – Doch Dante war
Glücklich nicht, denn unversehens lockerten sich die haltenden Krallen
Und ließen ihn aus halber Höhe über dem Weiher einfach fallen.
Er schrie und schickte ein Stoßgebet, Aetheria möge ihm gnädig sein,
Fiel schneller, es brauste und dröhnt’ in den Ohren. Das Wasser rückt’
näher und näher, es maß
Nur wenige Klafter zur Oberfläche, unberührt und hart wie Glas.
Er brach hindurch, es splitterte – das Wasser nicht, sein Körper wohl.
Ein Adlerschrei rief laut in die Nacht. Flügel schlugen, die ihn gebracht.
Ohnmacht. Schwärze. Finsternis. Stille. Schweigen. Große Leere.
»Lang ist’s her, ach lange schon, dass uns jemand besuchen kam.
Erinnre ich recht, dass jener damals eben jenen Weg da nahm,
Von oben herab in unseren Weiher?«
»Aber er fiel nicht, der damals sprang
Von der Klippe. Trauer nämlich erdrückte nicht, der zu uns drang.«
»Er war bei sich und wissbegierig.«
»Wusste wohl, was er hier wollte.«
»Gotteslästerer, der Lüfte Meister, seiner selbst Überwinder, größter der Geister.«
»Sendet er uns eine Gabe?«
»Das ›Auf‹ hast du dabei vergessen.«
»Aufgaben, wahrlich, sind nichts für mich.«
»Sagst grad du, ich bitte dich.«
»Nun rasch! Ans Ufer holt geschwind dieses unverhoffte Mitternachtskind,
Das den heiligen See entweiht. Schwerumwölkt sein Haupt sich neigt!«
»Er atmet noch, entkleidet ihn! Die Kälte wird ihm die Kraft entzieh’n!«
»Seht, er erwacht, die Leere verfliegt. Licht in den Augen, sein Geist ist’s, der siegt!«
»Sagt, wer seid ihr?«, würgte Dante, wie Husten in seinen Lungen brannte.
»Er kann noch sprechen, ist nicht verstummt.«, sprach eine Nymphe mit Silberhaar.
»Weil er viel zu vieles sah, doch davon nichts und wen’ger verstand.
Des Demiurgen betrüblicher Wahn sich schlingend um seine Sinne band.«
»Sagt, wer seid ihr?«, fragte Dante, während er suchte sich aufzusetzen,
Doch sein Körper, der schmerzte so sehr, als wär’ er nicht ganz, aber hinge in Fetzen.
»Bringt dir nichts zu wissen, dass Wortánnas Nymphen wir alle sind.
Wenngleich du mit dem Auge siehst, bist du durch den Wahnsinn blind.«
»Ich bin nicht – aaah –«, protestierte Dante vergeblich gegen die Schmerzen an,
Als eine Nymphe seine Schulter mit duftender Salbe zur Heilung bestrich.
»Du hast viel, zu viel gesehen.«, sprach eine, die sich zur Gruppe kniete.
»Ihren Tod har er gesehen! Und auch den von anderen!«
»Zermalmt vom Satzbaum! Eine Hexe feige mit fauler Magie geschlagen!«
»Blondes Haar im Regen verklebt, erloschenes Licht in ihren Augen!«
»Was?! Woher wisst ihr –«, doch Dante verstummte unter der Nymphen
mahnenden Blicken
Und Bildern aus der Vergangenheit, als wärmer die Lüfte und leichter die Zeit.
»Stiller nichts als dieser See, den das Feuer der Sonne umgab!«
»Verdunkelt der See, das Feuer erstickt!«
»Keine Seele im Augenlicht!«
»Theóphanu, Theóphanu! Wer tötete dich, dem keine Ruh
Das Wissen ließ, das du gehütet!«
»Sieh, wie du in ihm nun wütest!«
Immer mehr Nymphen nun kamen hinzu und setzen um Dante sich im Kreis
Und jede sprach, sobald sie saß, was ihr Blick in Dante las.
»Der Schleier, er hebt sich, der Wind, er regt sich, Dante beginnt
das Übel zu sehen!«
»Viermal hat er den Tod gesehen. Theóphanú war der Beginn!«
Die übrigen Leichen, nicht fern von ›Turm‹, erschienen Dantes innerem Blick.
»Getrübter Bach, die Stimme gesenkt!«
»Wasser, das vom Mord erzählt!«
»Der Anblick hat ihn so gequält! Der arme Kerl, er wusst’ es nicht.«
Sanfter sprach diese eine Stimme, erquickender Quell im Nachmittagslicht.
Doch wenige waren nun grade emphatisch. Die Versammlung wurde eher ekstatisch.
»Doch, Tor! Die Trauer und die Furcht, die hat er Falschen anvertraut!«
»Hexern in Roben, Verfechtern des Schweigens!«
»Nicht mal Gesichter hat er geschaut!«
»Schweigende Flamme im stürmischen Wind, die zwar leuchtet,
doch niemals wärmt!«
»Ein fliegender Schatten mit Fängen bewehrt zeigt sich den Roben
im fauchenden Donner!«
»Geistergeselle wider Willen! Schauriges Schicksal im Nebel wir schau’n!«
»Schiffsbeschwerer, geächtet, gefürchtet, verehrt in Melkkÿken, geduldet nur nicht.«
»Zeuge der Heerschar mit leeren Augen!«
»Vor denen auch Wortánna weicht!«
»Tach, tach, bumm, hchromm, ja, so schlägt’s in seiner Seele!«,
Rief eine Nymphe, aus Zweigen entstanden, sprang auf und stampfte
und zeitgleich fanden
Andere Nymphen den Rhythmus, den Takt. Sie sprangen und stampften
mit Anmut und Kraft
Um Dante im Kreis, noch schneller und wilder, sie rannten, sie tanzten,
nun schwirrende Bilder.
»AHHH, ja, wollt ihr, dass ich mich quäle! Hört ihr den Schrei nicht
meiner Seele!«,
Rief Dante in Tränen von Bildern geflutet, die’s Schicksal ihm schon zugemutet.
»Er kann noch sprechen, ist nicht verstummt!«
»Der vieles schon sah
und nichts verstand!«
»Fühlen muss er, was es bedeutet! Fühlen muss er, was sie bedeutet!«,
Riefen nun viele und tanzten und sprangen, ließen Dante nicht zur Ruh’ gelangen.
Immer mehr Nymphen, sie kamen herbei, sie schwebten, sie wehten,
sie strömten und staksten.
Jede an den Stoff gebunden, den sie einstmals vorgefunden,
Den sie seither nun begeistert. Sie wüteten in Tanz und Sang
Und jede fügte Zeilen hinzu, zum Lied, das sie hier dichteten.
Sie sprachen, was sie in Dante sahen, was andere Menschen nie erfahren,
Wenn sie’s ihnen nicht berichten. Doch Nymphen können all das sichten,
Was Menschen stets verschlossen glauben, verdrängt, vergraben, unberührt.
Denn Geister sind sie, die den Geist eher noch als den Körper sehen.
Sie sehen Gedanken, die andere hegen, wie eine Karte von Wasserwegen.
Jeden Strom und jedes Rinnsal erblicken sie, sprechen’s aus. Die Qual,
Die Dante litt, war unermesslich und nötig doch, denn er hätte letztlich
In Wortánna nicht überlebt und wär’ seinen Träumen zum Opfer gefallen.
All die Worte und Sätze im Reigen, die Blicke in verdrängte Leiden
Ließen Dante bis zum Grund der Seele vollends nun verstummen.
In Bildern, die die Nymphen beschworen, hatte Dante seine Sprache verloren.



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