Der Wald der Träume erwartet euch und zu hoffen bleibt, dass ihr nicht genauso stecken bleibt wie Dante, denn Träume und Wälder sind zuweilen eine äußerst destruktive Mischung.
Bäume wachsen gewöhnlich zum Licht. Sie trinken’s wie das Wasser auch,
Weil beides sie zum Leben brauchen. Aber in ›Wortánna‹ nicht.
Wälder ruh’n im Dunkeln der Nacht, sie warten bis der Tag erwacht.
›Wortánna‹ aber tat das nicht. Wälder stehen an einem Ort,
Sie wachsen zwar, doch wandern nicht. ›Wortánna‹, freilich, tat das nicht.
Wie die, die beide für Geister gehalten von den Menschen in ›Melkkÿken‹,
Den Ort und seine letzten Hütten hinter sich gelassen hatten
Und den Wald erstmals betraten, ahnten sie nicht, auf welche Arten
›Wortánna‹ keinem and’ren glich. Es raunt’ und wisperte beständig,
Wenn auch kein Wind in Kronen strich. Der Tag verging zur Gänze nie
In ›Wortánna‹, dem Wald der Wälder, denn des Nachts begann er dann
Aus sich selbst heraus zu glimmen. Nicht an allen Stellen gleich:
Mal war’s ein Blatt, mal war’s ein Zweig und mal die Furchen in den Stämmen,
Mal heller, mal dunkler. Es war die Kraft der Träume der Schlafenden in der Nacht,
Die vollbrachte, dass er nie sein Licht verlor. Und eine Macht,
Die selbst die Weisen nicht ergründet, die mal wächst, dann wieder schwindet,
Ließ Stämme wandern, Wurzeln peitschen, Äste winken. Manche weichen
Denen, die gelaufen kamen, and’re rückten nah, um Samen,
Knospen, Blatt und Zweig zu schenken. In den tief’ren Lagen schwenkten
Laubbehangene Wipfel sich in herbstlichen Lüften, weiter oben
War’n nadliger und höher sie. Sie wisperten anders und fremde Störer
Litten sie weit wen’ger noch als unten am Fuß der Berge. Joch
Um Joch der ›Polternden Berge‹ war ganz bewachsen mit ›Wortánna‹.
Der Wald – so gigantisch – war doch nur Kammer für Dinge, die weit größer waren.
Sie liefen weit, mehr als genug, um Menschen und Bauten ganz gewiss
Zu meiden, ihnen zu entrinnen. Sie wollten nicht gefunden werden,
Von denen, die sie flohen. Denn erkannten jene vielleicht, dass
Zwar kein Geist, doch Blut und Fleisch, die ganzen Gaben mitgenommen,
Wären sie gesund niemals vor wütenden Fischern davongekommen.
In einer Kuhle zwischen Wurzeln, groß genug für grade zwei,
Fanden sie ein Lager zur Rast, von Müdigkeit gezeichnet und matt.
Die erste der Wachen ging an sie, die zweite würde er dann nehmen.
Es war fast so, wie damals, als er mit Theóphanú zusammen
In den Hügeln rund um ›Turm‹ nach Kräutern suchte und seltenen Pflanzen
Und vor lauter Eifer sie das Tageslicht vergessen hatten.
Da die Höllenklamm da zwischen ihnen und dem Heimweg lag,
Rasteten im Walde sie und Dante fühlte nie zuvor
In seinem Leben solche Magie und wusste nicht warum noch wie.
Heute war er einfach müde, doch sicher fühlte er sich hier.
Er hoffte, kurz und tief zu schlafen, um traumlos auf den Dienst zu warten.
Doch ›Wortánna‹ ließ ihn nicht, der Wald, der auch in Träumen spricht.
Denn Worte und Gedanken fließen dort wie Wind und Wasser, sprießen
Bei Schritt und Tritt, bei Stock und Stein. Manche davon sickern ein
In Geist und Seele von schlichtweg allen, die in die eig’nen Netze fallen.
Die Worte und Gedanken kamen, innerer Bilder noch schuldlose Samen.
Und sie rührten an seinem Palast, öffneten ihn und ergossen sich,
Plätschernd, sprudelnd, strömend, reißend ins Inn’re. Dante Schmerz verheißend
Nährten sie den Gedankenstrom, der malmt und kracht im schaurigen Ton.
Polternd, schreiend, fluchend, wimmernd entschlüpften Dämonen, ihn erinnernd,
An den Tod, den er gesehen. Vergönnt war ihm nicht Schlaf, noch Ruh,
Erschien dem Auge in Gedanken der Anblick von Theóphanú:
Ihr Blick war leer, ihr Haar verklebt, ihr Haupt fiel schwer, ein Arm verdreht.
Das war sie nicht! Er erkannt’ sie kaum! Es war ihr Schatten, eines Albes Traum!
Ihren Tod hatt’ er vor Augen! Er wünscht’, der Strom würd einfach rauben
Den Schrecken, die Angst, das blanke Entsetzen. Sie streckte ihre Hand nach ihm,
Es schüttelte ihn – ihr Fleisch in Fetzen – sie wollt’ ihn in den Abgrund zieh’n –
Er schreckte auf, gebadet in Schweiß. Sie blickte ihn an: »Da ich nicht weiß,
Wie du heißt, war es nicht leicht, aus deinen Träumen dich zu reißen.
Du bist hier in Sicherheit. Nacht ist’s noch. Nun setz’ dich auf,
Trinke, atme und verschnauf’ und wenn du dich gesammelt hast,
Werde ich mich schlafen legen. Doch vorher nenn’ mir deinen Namen.
Sén-anú, so heiße ich.« Die Worte kamen unverhofft
Wie Sonnenlicht am Nachmittag, wenn Regenschleier zur Mittagszeit
Die ganze Aussicht eingetrübt und dann ein Loch sich formt im Grau
Und Licht den Blick freigibt. Wie Tau so perlt der Regen ab am Licht
Und Zuversicht, sie kommt zurück. »Ich bin Dante.« Noch benommen
Setze er sich langsam auf. »Danke. Du vertriebst den Alb.«
»Dafür nicht. Ich schätze mal, er wirkt im Schlaf auch schrecklich, der Wald.«,
Sprach’s und hielt ihm Wasser hin. Er trank. »Da ich nun bei mir bin,
Kannst du dich jetzt schlafen legen. Gibt es etwas zu beachten?«
»Die Bäume müssen dich nicht sorgen, Tiere nahm ich keine wahr.
Bist du sicher, dass du’s schaffst?«, fragt’ sie ehrlich und bekümmert.
»Ich denke schon und deshalb schlaf.« Da war sie auch schon
gleich entschlummert.
Zwar leuchtete und wisperte es überall und allerorten,
Doch keinen Schrecken konnt’ er spüren, der irgendwie von außen kam.
Es war so wie im Nebelschrein, nur dass den Wald keines and’ren Hand
Aus Schrift heraus entfaltet hat. Sehr alt schon war, was ihn umstand.
Nichts gab’s zwischen diesen Bäumen. Das Grauen lag in seinen Träumen
Und düster bedachte er den Tod, dessen Bild allmählich verblasste.
Er merkt’ es nicht, doch den inneren Schatten warf er in den Wald hinaus.
Er dimmte das Leuchten, er dimmte das Licht in Blättern, Wurzeln, Zweigen.
Und nicht
Unbeeindruckt blieb der Baum, der ihnen beiden Obhut gab
Zu eigen machte sich den Schatten der Baum, an dessen Stamm er ruhte.
Durch die Adern im Holz, da liefen Worte der Angst und Worte des Schreckens.
Sie weiteten merklich die Risse im Holz zu klaffenden Mündern und
gähnenden Schluchten.
Dante lehnte an solchen Fluchten und spürte sie nicht in seinem Rücken!
Wegen der Bilder, die ihn bedrückten! Er sank in den Stamm in seinem Brüten
Über Augen, Tode und Leichen und schon begann er ungewollt,
Dem Baume mehr und mehr zu gleichen, wurde starr und hölzern, ein Zeichen
Fruchtlosen Grübelns, geistigen Übels, wo alles raste und doch erstarrte,
In Raserei am Ort verharrte.
Was vor dem Holze ihn bewahrte,
War ein Knurren aus tiefer Kehle, gefletschte Zähne, Raubtierblick.
Zu dunkel war’s, genau zu erkennen, was zwischen den Bäumen auf sich türmte!
Vom Baum riss er sich los, sprang auf, rief Sénanú, recht schnell war er!
Hunderte Male aber schneller war Sénanú, die Jägerin.
Vom Knurren erwacht, ergriff sie den Bogen, hatte schon Hand und Herz und Sinn
Treffsicher wie den Pfeil stets auf das Biest gerichtet. Sie schoss.
Es duckte sich weg und steil sprang es gleich darauf empor, verschwand
Flügelschlagend in der Wand aus Blättern und Ästen, wie ihre Hand
Schon das Messerheft gerührt, um die Klinge zu entblößen.
Die Nacht verschwand, der Morgen kam. Beide hielten sich am Arm.
Sie ließen erst den Schrecken verklingen und hörten die ersten Vögel schon singen.
»Was war das denn?«, fragte sie dann. Er schwieg und blickte sie lange an:
»Ich weiß es nicht. Doch sicher ist, dass du mich gerettet hast.
Ob’s Monstrum ich nun erstmals sehe oder vorher schon, noch ehe
Im Ort wir uns getroffen haben: Nun, das muss ich noch ergründen.
Vielleicht ist nicht der Wald gefährlich, doch alles, was ich mit mir bringe.«
Düster war sein Blick. Die Stimme entstieg den Gräbern seines Denkens.
»Das glaub ich nicht und geb’ nichts drauf.«, hielt sie fester noch dagegen.
»Aber schaden wird es nicht, willst du deutlich länger leben,
Deine Wahrnehmung zu schärfen und außer deinem Buch am Gürtel
Eine echte Waffe zu tragen. Fürs erste reicht ein Stock. Nun wagen
Wir uns tiefer in den Wald. Das Tageslicht ist da und Halt
Sollten wir nur so viel machen, wie Erholung nötig ist.«
»Machen wir, ich danke dir. Ich hoffe, du hast Recht, dass mich
Deine Ansicht Lügen straft.«
»Ganz bestimmt.«, sprach sie und warf
Auf den Boden ihren Blick, wo sie Spuren las. »Sieh hier!
Wir sahen ein Tier nur gewiss. Doch Spuren zweier kann ich lesen.
Das eine scheint ein Wolf zu sein. Doch was es heißt, wenn gleich daneben
Adlerspur’n zu sehen sind? Zu deuten vermag ich das noch nicht.«,
Sagte sie und blickte fragend. Da wurde Dante alles klar:
»Es war der Wolf oder Greif aus dem Nebel, auf den du grad geschossen hast!
Er knurrte zwar, doch glaube ich, dass es gegen uns nicht war!«
»Der Wolf oder Greif aus einem Nebel? Das musst du, mein’ ich, mir erklären.«
»Wahrlich, ich weiß auch nicht recht. Wo beginnen, zu erzählen?«
»Am Anfang am besten und währenddessen setzen wir uns in Bewegung.
Moment, wie ist es bitte möglich, dass Holz an deiner Schläfe klebt?«
Mit einer Hand es wegzuwischen versuchte sie, doch er schrie ›Au!‹,
Als würd’ an seiner Haut sie ziehen. Hilflos blickten sie sich an.
»Werde ich zu einem Baum, sobald ich diesen Wald betrete?
Hast du denn Holz an deinem Körper?«
»Ich weiß von nichts und spüre nichts.«
»Wahrlich, an dir seh’ ich nichts, was irgendwie botanisch ist.«
»Das schafft mir zwar Erleichterung, auch wenn es nicht sehr tröstlich ist,
Dass ich wohl mit jedem Stein viel mehr gemein hab’ als mit Bäumen,
Nur dein Problemchen löst das nicht.«, sagte sie etwas verdrießlich.
»Doch sieh, der Baum hat sich verformt! Denn dort, wo du gesessen hast,
Erkenne eine Höhlung ich. Sie stammt von dir, ja sicherlich!«
»Dann wollte mich des Wolfes Knurren davor bewahren zu verholzen?«
»Das könnte eine Erklärung sein. Nun lass uns dennoch gehen. Zumeist
Kommt beim Grübeln keine Lösung. Man bleibt nur stets am selben Ort.
Geben wir unser’n Füßen Flügel für den Weg über Berge und Hügel.
Und du erzählst mir von dem Wolf, den Nebeln und dem Fährmann auch.«
»Sag mal«, sprach er, »was eigentlich, suchst du in Wortánna. Nicht
Etwa Beute, Ruinen und Nymphen?« Sie lächelte: »Über Wipfeln und Sümpfen
Thront ein Schloss, nach dem ich suche.
Bist du jemals dort gewesen?«
»Dort im Schlossen Thé-udisk?
Weithin sichtbar für dein Auge –«
»Bleibt es ihm doch stets verborgen.«,
Sprachen sie im Wechsel erst, ehe sie zusammen sangen:
»Fern liegt’s von der Welten Treiben,
Stets wird’s deren Zentrum bleiben.
Sei gewarnt!
Findest du den Weg hinein,
Wird’s hinaus unmöglich sein.
Trittst du untern Toresbogen,
So dann bist du gewiss verloren,
Bist du jemals dort gewesen,
Dort im Schlosse Thé-udisk.«
Anderer Worte bedurft’ es nicht, um sich beim Wegziel einig zu sein.
Doch wollte Dante seine Geschichte der Reihe nach erzählen, dann
Umfingen die Nebel seinen Verstand und Schmerzen machte ihm jeder Bann,
Den andere ihm auferlegt. Nach einer Weile gab er’s auf
Und konzentrierte sich aufs Laufen. Erinnern, das war zum Haare raufen.



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