Cobblestone street in a village decorated with glowing jack-o'-lanterns and old houses under a dark, eerie sky

Kapitel 27: Geister in Melkkÿken

Dieses Kapitel ist, obwohl es das 27. ist, wesentlich älter als die vorigen Kapitel, denn ich habe es zuerst geschrieben, als ich anfing, Ausónien mit neuen Versen zum Leben zu erwecken. Freilich ist die gute Hälfte davon neu, denn es musste vernünftig an alles vorige angeschlossen werden. Aber die Halloween-Idee ist dieselbe geblieben.

Urs saß im Stübchen im alten Turm und rieb sich vor Kälte die tauben Hände.

Den ganzen Tag lang hatte der Wind so rau geweht und die Wolken hatten

Dicht gedrängt, ohn’ Unterlass ihre Leiber über den Himmel geschoben.

Aetherja, sie hatte sehr großen Eifer beim herbstlichen Treiben der Wolkengeister.

Doch dann war plötzlich im Abendlicht der Wind des Tages abgeflaut

Und Nebel hatte sich aufgebaut. Eine Suppe sondergleichen

Hatte in nur wen’gen Minuten den See und die Stadt vollständig verschleiert.

Sofort war er nach oben geeilt, um seinem Amt als Leuchtturmwärter

Genüge zu leisten, obwohl schon alle Fischer vom See zurückgekehrt

Und er nicht wüsste, welches Schiff den Weg hierher noch finden wollte.

Melkkÿken war nicht unbedeutend, als Hafen durchaus gut und wichtig.

Doch war es schon zu spät im Jahr, als dass noch Schiffer ihren Weg

Zum Fuß der ›Polternden Berge‹ würden finden wollen des Handels wegen.

Die Abenteurer, die in Wortánna nach Träumen suchten und Schätzen

und Wundern,

Waren, wenn sie überlebten, schon lange wieder heimgekehrt.

Gerüchte von Truppen noch weiter im Osten waren zwar beruhigend nicht,

Doch hieß es, sie wären nach Süden gezogen und Glauben schenkte er dem Bericht.

Er wollt’ sich grade zum Feuer drehen, um ein paar Scheite nachzulegen,

Als ein Flügelschlagen ihn doch innehalten ließ. Das waren

Große Schwingen, die dort schlugen! Einen Vogel dieser Größe

Kannte er nicht und das konnte nur heißen, dass es er gewesen ist!

Kalter Schweiß lief ihm über die Hände, klappernd fiel der Scheit zu Boden,

Als unvermittelt in luftigen Höhen der mächtige Körper der Bestie,

Befiedert, befellt und wolfsbehäuptet, adlerbeschwingt und silbergrau

Am Leuchtturmstübchen vorbei sich schraubte und in den Nebel

sogleich entschwand.

Der Schrecken der Lüfte! Das konnte nur noch eines bedeuten! Er hatte recht!

Er kannte die Farbe, er kannte die Segel. Das nachtblaue Schiff war nur

wenige Klafter 

Entfernt vom Strand! Aus der Nebelwand war’s unversehens hervorgebrochen!

Er spurtete los, die Treppe hinab. Er wusste genau, dass in diesem Moment

Eile geboten war, alle zu warnen, um gemeinsam ins Werk zu setzen,

Was hunderte Male geübt und erprobt: Das Ritual gegen jenen Geist,

Bei dem kein Mensch verweilen durfte, wollt’ er nicht vor seiner Zeit

Vom Trunk verdammter Ewigkeit und ungestillter Sehnsucht kosten.

Ohneruh, so nannten sie ihn – er war kein Mensch, keine Nymphe, nur Geist.

Brandgefährlich, den Fischern beschwerlich, selbstgerecht und auch noch -herrlich,

Göttlicher Ordnung Lästerer. Niemals durft’ man ihn verdrießen!

Mit ihm verkehr’n noch weniger, denn die Götter, wahrlich, ließen’s

Nie und nimmer ungestraft. Alle schafften Hand in Hand:

Ein jeder im Ort war eingespannt. Und flugs, nur binnen kürzester Zeit

War sie präpariert, die Stadt, gewappnet und noch niemals hat’s

Nicht funktioniert. Drum war zu hoffen, sie hätten’s erneut so gut getroffen.

Mit dem Wolf entschwand endgültig das Leuchten der Nebel, die Punkte im Wasser,

Die Straße zwischen den wolkigen Wänden, das Wispern und Flüstern

und wiederum hatte

Trübgrauer Nebel das Fährschiff umfangen, man ahnte nur noch das Abendlicht,

Das lichtlosen Schatten rapide wich, der Welt auch noch das letzte zu nehmen,

Das Orientierung hätt’ schaffen können. Ein leichtes Lüftchen, nicht mehr

als ein Hauchen,

Schob das Fährschiff nur langsam voran. Dante hatte, zu reagieren, 

Zeit noch genug, sollt’ vor ihm im Nebel ein Riff, eine Küste oder and’res erscheinen.

Leider hatt’ er keinen Schimmer und ihm war völlig schleierhaft,

Wo genau er den nebligen Schrein verlassen hatte, ob überhaupt

In der Zeit zwischen leuchtenden Nebeln, das Schiff auch auf dem Stortemelk

Strecke gemacht oder ob er genau da rauskam, wo Ruówanú,

Den Nebelschrein entfaltet hatte. Er wusste nicht, wo Wasser war

Und wo schon Land seine felsige Masse dem Stortemelk entgegenstellt.

Er konnte dem Lotsen im Nebel nur trauen, das Schlagen der Flügel von

unten beschauen.

Es würde schon werden, er würde das Schiff noch sicher an die Küste kriegen!

Nun sah er links im Nebel ein Licht! Ja, das musste ein Leuchtturm sein!

Doch war er schon so nah, der Schein: Wovor er auch warnte, hier musste es sein!

Und aus dem Nebel schälten sich hölzerne Giebel. Grad’zu Gespenstisch

Lugten sie in die kommende Nacht, lichtlos, verwaist, fast unbewacht.

Dante drehte vor Panik am Steuer, versuchte das Stranden noch abzuwenden!

Doch knirschte es unter dem Kiel schon vernehmlich. Auf Sand und Kiesel

lag das Schiff.

Verfluchter Wolf! Wie geradezu schmählich endete des Fährschiffs Reise!

Wär’ selbst er Fährmann, die planlose Weise, wie auf den Strand er gefahren war, 

Hätte ihm Schmach bis ans Ende bereitet und auf allen hölzernen Planken begleitet.

Doch so hat der Fährmann es selbst unterlassen, ihn vorm Verschwinden

genügend die nassen

Wege hinaus aus dem Nebelschrein, von dort in irdische Fluten hinein

Aufzuzeigen, ihm Landmarken zu nennen, damit er gefälligst nicht drauf,

sondern neben

Dem Strand einer Siedlung zum Stehen kommt.

Da’s Schiff nun sowieso schon stand,

Holte er noch sämtliche Segel von vorn nach hinten ein und packte

Nach bestem Wissen sie ordentlich, sodass an Knicken möglichst wenig

Im Tuch zurückblieb, es länger hielt, kein einziger Schiffer hätt’ meckern können.

Tadellose Erscheinung zu wahren, war das Schiff schon auf Grund gefahren,

Gebot ihm der Stolz, denn es würde sehr lange und länger noch dauern, bis

er mal erneut

Sein Fuß auf ein Schiff würd’ setzen können.

Sobald er von Bord seine Füße schwang,

Knarzte das Schiff und es hob sich vernehmlich aus dem Sand heraus und nur wenig

Schien auf einmal zu fehlen, dass es im Wasser wie vorher so unbesorgt trieb.

Betroffen blickt’ Dante auf seinen Bauch und fragte sich darüber glatt,

Wie er auf der Reise mit all den Strapazen so viel an Gewicht hat erlangen können.

Da kam – und Dante wundert’s nicht – vom See eine Welle, umspülte den Kiel

Und hob es heraus, als wär’s eine Feder und zog es zu sich auf den Stortemelk.

Schon war im Nebel der aufzieh’nden Nacht das nachtblaue Schiff, gelöst von

der Fracht,

Verschluckt und verschwunden und Dante hat sich zu späten Stunden auf

kiesigen Stränden

Wiedergefunden. Schon wieder allein. Er lauschte in die Stille hinein.

Nichts. Das schwache Lüftchen selbst war auch schon zum Erliegen gekommen.

Und alles war in Nebel getaucht. Ihn fröstelte. Er wollt’ ins Warme!

Dante hatte den Strand verlassen und war an der Straße solchermaßen

Im nächtlichen Nebel schon verloren: Fast wär’ er zurückgelaufen,

Hätte er zu seiner Linken die flackernden Lichter nicht bemerkt.

Laternen – aus Kürbis geschnitzte Fratzen – flößten Dante Schauder ein.

Welcher Menschenschlag nur glaubte, schön wär’s seine nächtlichen Straßen

Mit grinsenden Fratzen zu beleuchten, besonders, wenn schon Nebel fleuchten?

Ob es hier ein Gasthaus gab? Er braucht’ nach all den Fährnissen

Ein warmes Bett und einen Kamin, Kürbissuppe und Butterbrot,

Darauf hatte er jetzt Lust und seinem Körper war es Not.

Doch hatte er eher das Gefühl, hier mangelte es an Gastlichkeit.

Still war’s im Ort, man hätte das Kratzen einer Feder auf Pergament

Vernehmen können und Dante suchte, seine Füße leise zu setzen.

Und diese Laternen, obwohl sie nicht sprachen, schienen ihn höhnisch anzulachen.

›Du fürchtest dich vor unserem Grinsen?‹, schienen sie zu sagen. ›Winseln

Werden vor dir alle Hunde, Ratten und Katzen, sie fliehen dich,

Deren Meister und unser du bist, baldiger König verachteter Geister!‹

Es sammelte sich auf seiner Stirn, beißend salzig eisiger Schweiß,

Während er ging, allein unter Fratzen, die ihm smielten am Straßenrand.

Niemals wollt er der Verdammten Meister werden. Um keinen Preis!

Dante schritt hindurch, gebannt, aufgrund des Höhnens der Fratzen begierig,

Das Ziel des Weges zu erlaufen.

Und die Nebelschwaden, schlierig,

Lichteten sich im Ortskern etwas, ließen zu, dass er erblickte

Einen Rücken im Kürbisschein. Kastanienbrauner Haare Wallen

Umspielte Schultern sanft und Arme. Sie wühlten geschäftig auf einem Schrein,

Der mitten auf der Straße stand. Unerwartet, wen er hier fand.

Ohne sich nur umzuwenden, sprach sie ihn, der rankam, an:

»Bist du der Geist, vor dem sie flüchten? Und wenn ja, verhext du mich,

Die ich mich an der Gabe labe und Hand an deiner Habe habe?«

Dante stutzte, blieb stehen und war viel zu perplex und unentschlossen,

Was zu tun und was zu meinen. »Unentschlossen bist du. Dann

Kannst nicht sein, von dem sie schreiben.« Während Dante darüber sann,

Reicht’ sie einen Rotulus. »Lies das!«, sprach sie selbstbewusst.

Er kam heran, nahm’s in die Hand. Sie blickte ihn noch immer nicht

Gänzlich an. Zur Seite wandt’ sie ihren Kopf und Augen nicht.

Dante entrollte den Rotulus und las, was dort geschrieben stand.

Großer Geist, oh gotteslästerlicher Streich, unermesslicher Macht Bewahrer, großer Fährmann des Stortemelks, Gefährte in das Jenseits von Atem, Seele und Körperlichkeit: Nimm diese Gaben, dir dargereicht, zur Weiterreise durch Raum und Zeit. Wir hoffen sehr, es stimmt dich gnädig und du lässt uns deiner Zauber ledig. Wir fischen nur im Stortemelk, kaum geboren, schon sind wir welk im Vergleich zu deiner Ewigkeit, Macht, Präsenz und Herrlichkeit.

Wie Dante das las, zuerst überkam ein diebisches Grinsen den Mund. Das nahm

Ein Schauder, der durch die Knochen kroch, bis ihm seine Kehle, darauf gepfropft

Ihn innen hielt und nicht entließ: ›Jenseits von Atem und Körperlichkeit?‹

Der Rotulus bestätigte ihm, was in den Tagen beim Fährmann ihm

Immer deutlicher werden musste. Ruówanú, er war kein Mensch.

Aber ›Gottes-läster-lich‹? War er verflucht? Gar un-eigentlich?

Er riss seinen Geist aus dem Grübeln, um nicht zu lang einer Antwort

schuldig zu bleiben:

»Nein, der Geist, der bin ich nicht, doch hierher bin ich geflogen

Auf seinem Nachen, drum wollen sie aus ganz Verschied’nem eines machen.«

Sie musterte ihn im Seitenblick – Nussbraune Augen. Und plötzlich kniff

Sie seine Wange. »Ey!«, rief er, solange die Berührung der Finger währte.

»Du bist ganz aus Fleisch und Blut, also auch zum Fürchten nicht.

Gibt’s darum was einzuwenden, wenn ich Hand an deiner Habe

Habe? Denn der Wald ist groß und schneller geht’s, wenn weniger

Zu jagen ist. Die Zeit ist knapp, der Herbst schon recht weit fortgeschritten.«

»Dass die Gaben meine sind, lässt sich wahrlich nicht behaupten.

Bediene dich, ich tu’ es auch.« So teilten sie geschäftig Schlauch,

Pasteten, Kuchen, Obst und Brot harmonisch ohne jede Not.

Beider Hände doch zugleich nur ruhten auf der Karte. Weich

War das Pergament.

»Das nenn ich durchaus problematisch, dass

Nur ein einz’ger Geist mit Opfergaben hier erwartet wurde.«,

Bemerkte sie.

»Da hast du Recht.«, stimmte er ihr nickend zu.

»Aber nur, sofern die Wege nicht dieselbe Richtung nehmen.«

»Von solchen Plänen halt’ ich nichts. Fremde Männer sind gefährlich.

Scher dich weg! – Nun…für gewöhnlich sagt’ ich das.«, sprach sie versöhnlich.

»Doch dein Blick – so ganz schockiert – sagt mir, dass du harmlos bist.

Gefährten sollten im Wald wir sein. Denn, Wortánna, das ist ein

Wald, wie’s keinen zweiten gibt. Also frisch ans Werk, es trifft sich,

Dass wir hier nicht bleiben können, Geister, die wir hier nun sind.«

»Ja, das stimmt, so lass uns gehen. Müde bin ich, lange stehen

Will ich nicht mehr in der Nacht. Einen Schlafplatz, Ruh’ und Rast

Suchen wir uns außerhalb. Zumindest bietet Schutz der Wald.«

Sagte Dante und somit gingen im Licht sie der Laternenfratzen –

Den dämonisch grinsenden – wie Geister, die der See gebracht,

In der Wälder Wald, Wortánna, und verschwanden in der Nacht.

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