Grey winged wolf with large feathers standing on a wooden ship deck in foggy weather

26. Kapitel: Nebellotse

Offenbar kennt Ruówanú die Wirkung seiner eigenen Zauber nicht gut oder er hat Dante einiges absichtlich vorenthalten. Der jedenfalls muss sich seinen Weg durch den ruhelosen Nebelschrein suchen…

Das Kapitel ist ein kleiner Meilenstein in diesem Epos, denn in meinem Worddokument bin ich inzwischen bei Seite 100 angekommen! Vielen Dank an alle, die die Reise bisher mit mir gemeinsam gemacht haben. Ich hoffe, die nächsten 100 Seiten werden genauso unterhaltsam für euch.

Zauber sind sehr überfordernd, selbst wenn vorher schon erzählt

Und ausgebreitet worden ist, was einen dann erwarten wird.

Zauber sind sehr eigenwillig, denn selten wirken sie bei zweien

Auf dieselbe Art und Weise. Der eine steht dort ganz verzückt

Und kann sein Strahlen kaum verstecken, der and’re sucht es zu verbergen,

Dass der Zauber Wirkung zeigt und kann ihn doch nicht von sich wenden.

Nur Erfahrung mit Magie, dazu ein starker Wille können

And’rer Hexer und Hexen Zauber von sich weisen und versprengen.

Ein mächt’ger Zauber wirkt genau wie Sonnenstrahlen nach dem Sturm. 

Erblickst du sie, bist du verloren in deren Schönheit, die niemandes Kraft

Auf Erden, selbst im Land der Götter, je ein zweites Mal erschafft.

Berührt zu werden vom Glanz des Lichtes, dem kann sich niemand je entziehen.

Die einen nur können den Zauber schätzen, die and’ren würden ihn lieber fliehen,

Weil Schönheit ihnen im Leben versagt und schreckliche Erinnerungen

Den Wunsch, an Schönem teilzuhaben, mit seelischer Gewalt bezwungen.

Dante war hin und her gerissen, dem Zauber zum einen sich zu ergeben,

Begeistert mit dem nachtblauen Schiff durch leuchtende Nebel und Wolken

zu schweben.

Und andererseits war, was er gesehen, unheimlich ihm. Er wollt’ verstehen,

Was geschehen, wie es wirkte, ob’s ihm schadete oder half.

Schwierig war ihm, auszuhalten, was zu ändern seiner Macht

In keiner Weise nur oblag. Nur, nahm die Sorge überhand,

So sah er wie der Nebel sich an manchen Stellen verdichtete,

An and’ren aber lichtete und in allen Nebeln wog ein Schimmern,

Mal bronzefarben, mal herrlich silbern, mal golddurchwirkt und manches Glimmen

Glich dem Funkeln von Rubinen, wenn’s Sonnenlicht sich darin spiegelt.

Ewig hätt’ er das Spiel der Nebel und der Lichter, so ruhelos,

Betrachten können, während das Schiff in Kurven gemächlich weiter glitt.

Doch gab’s noch mehr, denn durch die Nebel ward Flüstern und Wispern

auch getragen,

Gedanken gleich, die im Geiste träg’ am selben Platz sich suhlend wenden

Oder gehetzt von einem Ende zum nächsten ungehindert jagen.

Ein leises Summen schwoll mal hier mal da erst auf dann wieder ab.

Es war betörend, doch schuf es Dante Klarheit und Verständnis nicht.

Nach all des Zaubers schöner Zierde siegte schließlich die Neugierde:

»Ruówanú? Was ist das hier? Ein ›ruheloser Nebelschrein?‹

Ruówanú? Wo bist denn du?! Ruówanú?! Lässt mich allein

In diesen Nebeln, wenngleich bezaubernd?! Jetzt antworte mir!«, so rief

er schaudernd.

Doch der Fährmann war verschwunden. Er suchte ihn zuerst an Deck

Und suchte unter Deck dann weiter. Am Kartentisch, da saß er nicht.

Er kochte nicht in der Kombüse und schlief nicht in der Hängematte

Und hockte auch nicht zwischen den Kisten. Dafür waren die grünen Schriften

Wie zuvor an Wänden und Balken, als hätten den Raum sie nie verlassen.

Er stieg nach oben und blickte in Nebel und sah das Schiff in Kurven treiben.

Er hörte noch stets das Flüstern und Wispern, er sah noch stets so ruhelos

Die Nebel sich lichten und wieder verdichten, als hätten sie eine Seele, als

Wären sie ein Organismus. Er wollt’ sich Überblick verschaffen

Und hoffte etwas mehr zu sehen, wenn er von oben runter blickte,

Drum sprang er auf die Reling, erklomm die Wanten bis zur Spitze des Masts

Und fragte sich dann angekommen, welchen Sinn das haben sollte.

Der Nebel hier war lichter nicht und anders nicht als unten an Deck.

Er wollte schon nach unten gleiten, als etwas ihn doch stocken ließ.

Die Nebel so verschied’ner Farbe und von verschied’ner Helligkeit

Bildeten ein Muster aus. Auf den Bronzenebel folgte

Der silberne, dann golddurchwirkt, zuletzt rubinrot auf der Strecke.

Und das Schiff fuhr stetig in Kurven immer dieselbe Reihe ab.

Das war kein Weg zu einem Ziel, es war der Weg der Wiederholung!

Das Schiff durchmaß in Schleifen den Raum! Gefangen war er im Nebeltraum!

Wie sollt’ den See er jemals verlassen, wenn die Fähre Kreise fuhr?

Doch sagte ja Ruówanú, er solle das Schiff allein fahr’n lassen.

Doch sagte er ihm nichts davon, er würde selbst verschwinden, wäre

Der Zauber einmal ausgefaltet! Sollte er nicht selber steuern

Oder durch ein schieres Wunder würd’ ein Lotse ihm zuteil?

Er lachte auf bei dem Gedanken. Hilfe hatte er viel bekommen.

Nun musste er sich selber kümmern. Hinab glitt er durch farbiges Schimmern.

Zurück an Deck zwischen Lichtern und Fragen, die wie and’re einer Antwort harrten,

Und flüsternden Stimmen und Fetzen von Worten vernahm er nun

ein Flügelschlagen.

Über ihm! Nein! Jetzt links! Nein, rechts! kreiste ein Leib unter

mächtigen Schwingen,

Zwei Pfoten, zwei Fänge und graues Fell ging über in Federn von felsiger Farbe.

Doch das Haupt nicht adlergleich und der Leib kein Löwenleib

Landete vor ihm an Größe gewaltig, dazu mit raubtierhaftem Blick,

Ein Wolf, geflügelt, mit Adlerfängen und buschigem Schweif und Federn am Haupt.

Lange Zeit passierte nichts. Der eine saß auf Hinterläufen,

Der and’re stand auf beiden Beinen. Der eine guckte sitzend runter,

Der and’re schaute stehend rauf. Mustern, Schweigen, stille Halten.

Der Wolf, der Greif oder was auch immer, reckte endlich seinen Kopf

Hinab, beschnupperte Dantes Mantel, sein Gesicht und seine Haare.

Dante roch Sehnsucht und Einsamkeit am Wolf, obwohl ihm schleierhaft,

Wie sowas überhaupt der Nase deutlich und vernehmlich war.

Der Wolf hingegen roch Trauer und Angst und Sehnsucht nach Theóphanú.

Er richtete sich wieder auf und lauschte in die wispernden Nebel.

Dante konnte nicht wirklich sagen, wie ihm in dem Moment geschah.

Er spürte keine Todesangst. Genau wie im ›Herzen Ausóniens‹

Wusst’ er, als der Wolf an Deck die Klauen und Pfoten aufgesetzt,

Dass keine Gefahr ihm drohen würde. Davon einmal abgesehen

Wusst’ er weder, ob der Wolf ein Teil des Zaubers des Fährmanns war

Oder ob von anderswo das Fabelwesen hier eingedrungen.

Von Greifen – das kam noch dazu – hat einst Geschichten er gehört

Und immer war’s ein Adlerhaupt und hinten dann ein Löwenleib.

Doch von andren Arten Greif besaß er keine einz’ge Kunde.

Oder meinten Knafrák und Sældra, als sie vor den Greifen warnten,

Diesen Wolf und nicht den Greif, dem Dante schon begegnet war?

Ohne zu wissen, warum er das tat, streckte Dante seine Hand,

Um des Wolfes Federn zu greifen. Doch just in dem Moment entzog

Der Wolf sich seiner Hand und sprang mit einem eleganten Satz

Vom Deck zurück in die nebligen Lüfte. Er kreiste erst ums Schiff herum

Und flog dann mehrmals über das Steuer. Dante verstand, ergriff es dann,

Der Wolf nun hielt sich linkerhand vom Schiff in der Luft und mit einem Male

Brüllte er laut und aus tiefster Kehle und teilte die träge Nebelwehe

Vor sich in Hälften, ein Wasserweg aus nachtblauen Fluten und grünlichen Punkten

Wurde erschaffen, nein, freigemacht? Dante drehte das Steuer und folgte

Der Straße des Wolfes mit Greifenflügeln, verließ die leuchtenden Nebel und stetig

Wurden die Nebel nun träger und grauer und weniger dicht und ein kalter Schauer

Auf seiner Haut zeigte Dante, dass er den Zauber des Fährmanns verlassen hatte.

Natürlicher Nebel aus Herbstluft geboren hatte den See sich zur Stätte erkoren.

Und Dante folgte geflügeltem Lotsen steuernd auf des Fährmanns Fähre,

Als ob der Wolf ein guter Freund, das nachtblaue Schiff sein eigen wäre.

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