Heute wird es verschachtelt und ebenenreich, doch leider reichte nicht die Zeit, die Stimme bei der Aufnahme derart zu modulieren, dass ich sagen würde, dass der Text wirklich gut gelesen ist. Aber es ist in Ordnung und fehlerfrei. Ich hoffe, euch gefällt’s.
Von Träumen gibt es mehrere Arten: Die einen machen dich frei und leicht,
Sie führen deinen Geist von dannen in Welten fern von alle dem,
Was dich umgibt und sonst beschäftigt. Die nächsten führen tief hinab
In die Verliese deines Geists und holen die gefangenen, geketteten, vergessenen
Dämonen alter Wunden schwelend an das Licht und zeigen dir,
Welche Ängste immer noch ganz unbefochten in dir schlummern.
Die dritten aber halten dich an Ort und Stelle und während du liegst
Und schläfst, erhebt dein Geist sich rege und wandelt dann mit and’ren Augen
Durch den Raum, in dem dein Körper so regungslos und starr verweilt.
Und solch ein Traum hat Dante ereilt und Körper und Geist, die waren geteilt,
Und plötzlich stand er neben sich, besah sein knirschendes Gesicht,
Die Spur von Rot in seinem Bart, das wirre Haar, das wuchs und spross
Ohne Ziel und Richtung, ja als wüsst’ es nicht so recht wohin.
Der Mantel, der ihn da umhüllte, ein Artefakt der magischen Macht,
War grauer noch, facettenloser, unbestimmt und trist geworden.
Müde wirkte seine Gestalt im Schlafe selbst, der Ruh’ und Halt
Verschenken sollt’ an Geist und Glieder, damit sie kräftig, nicht bleiern wieder.
Er wandte sich dem Schiffsraum zu, der nun vernehmlich in leichtes Grün
Getaucht war von der Schrift, die da auf allen Wänden und Balken prangte,
Sich bewegte, versuchte man zu lesen, was dort wirklich stand.
Das Schiff war nicht mehr schräg, so wie’s beim Schlafen Geh’n gewesen ist.
Und ruhiger war’s, ja schien es fast, als würd’s durch Wellen nicht mehr pflügen.
Hier und da nur knarrte es ganz leicht, als ob es zeigen wollte,
Dass immer noch aus Holz und Teer und Hanf all das gezimmert war.
Er stieg die steilen Stufen hinauf, um an Deck sich umzuseh’n.
Der Anblick dort verwehrte ihm das Atmen, Hoffnung und selbst das Denken.
Der See, das Wasser, der Wind, das Licht, die Wolken, die Berge und selbst
der Himmel
Waren verschwunden. Geräuschlos glitt durch gähnend geisterhafte Leere
Des Fährmanns Fähre und puppenhaft, stand dieser am Steuer so regungslos,
Als wär’ er Teil des Ganzen nicht, stattdessen aber von anderem Orte
Hierher versetzt von einem Willen, der gutes Fügen nicht verstand.
Dante hätt’ ihn gern gerufen, gefragt, was denn geschehen sei,
Doch bracht’ er keinen Ton hervor. Denn weder wusst’ die Worte er,
Noch hatt’ er eine Stimme oder seinen Will’n in dem Moment.
Zum Sprechen, wusst’ er, ward er geboren. Doch hier in dieser grausen Leere
Hat die Sprache er verloren und stumm war er. Zum Schweigen der Fähre
Gesellte sich das Schweigen seiner Ohnmacht und Befangenheit.
Panik macht’ sich in ihm breit, er wollte etwas sagen oder
Besser ein paar Verse sprechen, lieber aber etwas singen!
Doch wenn all das nun grad’ nicht ging, so wollt’ er wenigstens ein Ding
Benennen, das er sah, und wenn auch das ihm nicht mehr möglich war,
Dann wollt’ er mindestens ein ›Ach‹ dem stummen Rachen entfahren lassen!
Doch ging es nicht. Er konnte denken, Gedanken aber nicht veräußern.
Verzweifelt rannt’ er übers Deck und spie nur stumme Laute aus,
Wo immer er nur etwas sah, das einstmals er benennen konnte.
Mit Tränen starrt’ er in die Leere, als sich aus ihr mit einem Male
Schemen lösten. Erst zwei, dann drei, dann vier, zuletzt ein fünfter noch,
Die pfeilschnell und ungestalt auf Dante flogen, verschiedentlich
Auf ihn wirkten: Einer schoss in seinen Rachen, legte sich
In den Mund; der nächste aber teilte sich, um gleichermaßen
In Herz und Kopf zu fahr’n; der dritte ward zu einer Ranke, die
Um den ganzen Leib sich wandte, nur fesselnd nicht, doch stützend mehr;
Der vierte legt’ sich Mantel gleich nun um ihn rum und hüllt ihn ein,
Der letzte wurde dann zum Buch und hing sich an den Gürtel ran.
Was immer diese Schemen waren, die aus der Leere geschossen kamen:
Für Dante war’n sie ein Geschenk, denn plötzlich konnt’ er wieder sprechen.
Er sprach die Dinge an, die lagen und vor den Augen gebreitet waren.
Takling, Tau und Takelage, Balken, Bordwand, Bug und Stage
Und als er nach dem Wasser fragte, erschien es plötzlich in der Leere.
›Himmel‹, sprach er, das schwarze Nichts, es wich dem blauen Himmelzelt,
Die Sonne rief er und ›Stortemelk‹ und plötzlich war die Welt geschaffen!
Er jauchzte, jubelte und rief beglückt, wie schön es war, so ganz verzückt
War er von dem, zu dem die Schemen ihn unverseh’ns befähigt hatten.
Er rief die Wolken, er rief den Nebel, er legte sich um die gesetzten Segel
Und barg das Schiff vor aller Augen. Und Dante wollt’ grad’ zusammenklauben
Die Worte, um den Wind zu rufen, der alle Nebel verstreuen sollte,
Da regte sich das Buch am Gürtel: Es schlug sich auf, es flog empor,
Die Worte auf den Seiten lösten vom papierenen Boden sich,
Flossen heraus in den Nebel und schufen ein Fenster in einen anderen Raum:
Eine Kammer, in Felsen gehauen mit spitzen Bögen an der Decke,
Ein Schlussstein, der dort sakrosankt aus dem Rippengewölbe prangt,
Ein Becken darunter, ein fließender Quell – Und er selbst, wie er sitzt und schreibt:
Sein Fleisch zu Wort, sein Körper Stimme, die Knochen endlich purer Wille!
Die letzten Worte will er schreiben, um einen Zauber zu entfalten,
Als hinter ihm dann jemand erschien: Kastanienbraune Haare klebten
Ihr an Hals und Schläfen, ja mit größter Hast war sie gerannt
Und rief noch seinen Namen, doch die Stimme stammte aus anderen Reichen,
Wo Stimmen nicht nur Stimmen waren, sondern Träger einer Macht.
»Dante!«, rief Ruówanú von irgendwo aus anderen Sphären,
Zwang so Dante aus seinem Traum und in den Körper zurückzukehren.
Er öffnete seine Augen und hasste, dass der Traum sogleich verblasste.



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