Kapitel 22: Swigánti

Und wieder bleibt keine Zeit zum Plaudern, denn der schweigenden Präsenz gilt es, durchaus wort- und trickreich zu entgehen…

Schweigen. Ohne alle Worte. Schweigen. In so vielen Klängen.

Schweigen. In verschied’nen Farben. Schweigen wie ein Eiskristall.

Schweigen wie ein geduld’ger Stein, den Wasser immerfort bespricht,

Wenn’s findet in dem Bachbett ihn. Schweigen wie die Sturmesfront,

Wenn fern am Horizont so finster wie das Pech der Grube sie

Drohend aufzieht, das Abendlicht auf weiter See verschluckt und so

Dem Schiffer noch den letzten Funken Hoffnung nimmt, bevor die Nacht

Reinbricht mit der Urgewalt. Und dieses Schweigen, das da kroch

War das Drohen vor dem Sturm, von dem nur nicht zu sagen war,

Wann genau das Schiff er streift. Schweigen. Ohne alle Worte.

Dante kroch’s in alle Glieder und er ward stumm und etwas lahm.

Ruówanú dagegen schien, je weiter’s Schweigen Eingang fand,

Geladener und ohne Ruh’, so zog er Dante durch die Gänge

Und Hallen auf Wegen, die sie vorher nicht erlaufen und geseh`n.

Und dennoch konnt’ er trotz der and’ren Wege nicht so ganz vermeiden,

Dass es näher kam, das Schweigen, auch weil’s von einzigartiger

Präsenz sehr schnell die meisten Räume unter seine Banner schlug.

»Sie sind wohl mindestens zu zweit!«, knirschte da Ruówanú,

Dessen Schritte Dante nicht, dafür jedoch ein Rauschen gar

Wahrnahm, das ihn ganz umgab und seine Kleider schienen wieder

Von selbst zu schweben und zu wehen. Doch war das wohl der Hast geschuldet,

Mit der die beiden eilends rannten.

                                                           »Zu zweit. Das heißt, es sind noch mehr?«,

Fragte Dante, dessen Geist allmählich wieder Fahrt aufnahm.

»Fünf sind’s, doch von vieren grade weiß ich, dass sie in der Gegend

Verweil’n. Ich hoffte, sie hätten sich vom Schrecken aus den keifenden Wolken

Verjagen lassen, doch ich schätze, ich habe sie nur hergelockt.«,

Sagte er, als er Dante weiter durch enge Türen und Treppen führte.

            »Ich kann nicht folgen. Wer sind sie denn? Und welcher Schrecken

verjagte sie?«

            »Ich weiß, das ist verwirrend, aber nun dir’s zu erklären bringt

Ungefähr genauso so viel, wie einem Tauben vorzusingen.«

            »Soll das heißen, ich sei dumm?!«

                                                                       »Mitnichten, doch du wurdest leider

Mit Bannen geschlagen, die deinen Geist vollends verwirrten und dich zwingen,

Von allem, was du um sie weißt und noch erfahren kannst von mir,

Gezüchtigt zu werden mit Nebel und Schmerzen. Es ist der umgekehrte Bann,

Den Sældra dir einst auferlegt. Du kannst dich noch an alles erinnern,

Verboten ist’s dir nur, zu sprechen. Doch diese haben – wohl unabsichtlich –

Verboten, dich dran zu erinnern. Drum kannst du auch nur Unsinn sprechen,

Wie zur späten Stunde, die zum ersten Male du erwachtest.«

            »Du verstehst ein bisschen mehr noch von Magie, so scheint es mir!

Woher weißt du, dass Sældra mich mit einem Bann belegt hat?«

                                                                                                      »Ich

Kann ihn sehen und du wirst einst dazu in der Lage sein.«

»Du glaubst, ich könnte ebenfalls, ein Hexer werden irgendwann?«

»Nicht irgendwann, viel mehr sehr bald, denn anders wirst du mit dem Buch

Dich behaupten können nicht, da’s einer Hexe Feder entwich,

Deren Macht in Ausónien ihres Gleichen suchte und nicht

Gefunden hat. Als des Buches Erbe ist der Weg dir vorbestimmt.«

            »Heißt das, Théudisk ist gar ein Zauberschloss, ja eine Schule?«

Dantes Herz schlug aufgeregt, als er vor Augen führte sich,

Bei Hexen würd’ er in Théudisk den Zauberstab beschwörend heben,

Sprüche murmeln und es würde beben die Luft, der Boden ob seiner Macht.

Sie kamen in einen Innenhof, wobei, es war ein Saal gewesen,

Dessen Decke großenteils hinabgefallen war und zwischen 

Trümmern wuchsen Farn und Bäume, die teils der Wände Malereien

Verdeckten und nur einige Szenen von hitzigen Jagden sehen ließen.

            »Ja und nein. Ein Zauberschloss, das ist es wahrlich und es wird

Davon kein zweites jemals geben. Aber eine Schule? Nein!

Théudisk, das ist ein Ort, an dem man lernt, indem man sucht.

Manchmal kann dir jemand helfen, die richt’gen Fragen aufzufinden

Oder auch das passende Buch. Doch lernen und denken, das musst du selbst.

Magie kannst du alleine nur, in deinem Innern schlummernd, wecken

– Still!« 

Es schien, dass die Präsenz des Schweigens ihnen näher kam

Von des Saales and’rer Seite. Und Dante fragte sich, warum

Sie überhaupt gesprochen hatten. Wär’s klüger nicht zu schweigen gewesen?

Ruówanú schob Dante und sich schnell hinter einen Deckentrümmer

Und hob den Finger an die Lippen. Trotz aller Kleider schien er nun

Gar keinen Raum mehr einzunehmen. Und wieder war da dieses Flackern

In seiner ganzen harrenden und auf das Schweigen lauernden

Gestalt, wie ein Feuer, das man versuchte ohne Bewegung brennen zu lassen.

Dante löste seinen Blick und zwang stattdessen sich im Saal

Nach dem Schweigen umzusehen. Ein Mann in Kutte, eisesgrau,

Mit silbernen Haaren und hohen Wangen, doch eingefallen in seiner Statur

Schritt einher. Der Drang zu schweigen knallte wie ein harscher Befehl

An sich selbst und alle, die in seinem Umfeld zugegen waren,

Durch den ruinösen Saal. Man fühlte sich, als ob die Worte,

Die jemals man zu and’ren sagte, schon immer völlig vergeblich waren

Und’s besser wäre, sie wegzulassen. Denn waren Worte nicht Zerstörer,

Die versuchten, zu benennen, was ungesprochen bleiben sollte,

Die wie Messer in andere fuhren und sie mehr verletzten, als

Jeder Schlag es je vermochte? Wär’s nicht besser, ganz zu schweigen,

Bevor man Teures mit zerstörte? Das Grübeln nahm ihn derart ein,

Dass er vergaß, sich weg zu ducken. Gewaltsam musste Ruówanú

Dante so zu Boden drücken, doch reichte’s schon, dass dieser Mann

Ihr Versteck in Augenschein nahm.

Zur Linken blickte Dante erneut,

Bemerkte dann mit einigem Staunen am Boden um ihn neue Flüsse:

Flüsse von Schrift in schwarzer Farbe, die unbemerkt vom herrschenden Schweigen

Sich aus den Gewändern Ruówanús oder auch ihm selbst ergossen

Und zwischen Ruinen und Farnen und Bäumen auf die Malerei zuflossen.

Sobald die Schrift die Malereien erreichte, kroch sie daran hoch und

Zog dann ein in Farben, Figuren, hinterließ doch keine Spuren,

Laute aber, denn die Jagd erwachte nun zu eig’nem Leben:

Hörner bliesen, Hunde bellten, Hufe traten den waldigen Boden,

Menschen riefen aufgeregt, Schellen klangen und Mäntel wehten

Im Wind des hetzend treibenden Galopp der Pferde, jagderprobt.

Wie beim Sturm, der den Schleier der Flamme im Kreis der Schweigenden zerriss,

Erfüllte der Lärm den ganzen Saal. Das Schweigen der Kutte, in Frage gestellt,

Warf sich auf den jagenden Tross, der, lebendes Bild, das er geworden,

An den Wänden durch den Saal und in die nächsten Zimmer zog.

Der Mann in Kutte hinten drein. Der Weg darum, der war nun frei.

Erleicht’rung aber fehlte, kein gelung’nes Wort unterbrach den Schrei,

Der stumm in ihren Köpfen hallte und lange wie ein Mahlstrom wallte.

2 Antworten zu „Kapitel 22: Swigánti“

  1. Avatar von Valeria Politino
    Valeria Politino

    Ich war komplett bezaubert 😍

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    1. Dann wird mein Traum, Zauberer zu werden, ja vielleicht doch noch mal wahr ^^

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