Kapitel 21: Turris poetica relucens

Willkommen zurück, die ihr gewartet habt auf die Fortsetzung. Ich habe die Pause so gut es geht genutzt, aber etwas Urlaub musste auch sein und krank war ich leider auch. Nichtsdestotrotz bin ich voran gekommen und Dante findet nach einer Rüge neuen Zauber in der Schlossruine.

»Nun hockst du hier, du Selbstgerechter, und weinst am Boden kauernd, hoffend,

Dass sich jemand deiner erbarmt und diese Last nun von dir nimmt!

Und weißt du was: Natürlich weiß ich etwas mehr als du darüber,

Was Theóphanú einst tat und wenigstens auch ahne ich

Den Sinn des Buches, seine Bedeutung und den Zweck, zu dem es einst

Theóphanú verfasst hat, aber eines kannst du sicher wissen:

Diese Hexe ist uns allen, solange wir sie kannten, immer

Rätsel geblieben und wenn wir endlich, zu verstehen glaubten, was sie

Antreibt, hält und für Magie noch heller als der Sonnenschein

Brennen lässt, verloren wir im Glauben daran das Verständnis!

Was glaubst du, wie sehr wünscht’ ich mir, sie hätt’ auch mir ein Buch geschrieben!

Doch wandte sie sich ab, bevor – «. Er stockte und die wütende Aura,

Die seine Gewänder schweben ließ und greifbar fast den Gang erfüllte

Und mehr noch wie ein Mantel aus Blei auf Dante drückte und seine Schultern

Noch weiter in den Boden trieb so wie ein Hammer einen Nagel,

Nur dass die Kraft im Schlage noch mal weiterwuchs und heftiger drängte –

Die Aura stockte. Mit einem Schlag blieb Trübsal nur noch und Resignation.

»Ich kann nicht sagen, warum sie dir das Buch vermachte und so wenig

Von alledem dich wissen ließ. Doch sicher ist, sie wusst’, du würdest

Verstehen wollen und dir dann würde, etwas gelingen, was unsereins

Zum Scheitern brachte vor einiger Zeit. Und wenn es dich beruhigt, ich habe

Lediglich das Gedicht gelesen und ihre Widmung drin erkannt

Und als ich fühlte, dass das Buch nur du vollends verstehen würdest,

Ließ ich ab davon. Dass du nach Théudisk wirst reisen müssen

Reichte mir schon vollends aus. Nun komm’, das Buch summt immer noch

Und in mir wächst schon ein Verdacht, an welchen Ort es gerne will.«

Dante kannte seinen Willen grade nicht, er war nur leer.

Drum nahm den Vorschlag er gerne an und zog sich hoch an steinerner Wand

Und folgte dann Ruówanú in tiefere Sphären der Schlossruine.

Sie standen in des Schlosses Mitte auf kiesigem Grund, umgeben von

Rundem Mauerwerk, das einfach und grob gefugt zu einem Turm

Zu schwindelerregenden Höhen sich erhob und hell und gelb und rein

Drang von oben Mondlicht ein, denn weder Dach noch Zwischenböden

Schienen jemals angelegt und für den Turm geplant zu sein.

            »Langweilig, nach all den Räumen, findest du nicht, was du hier siehst:

Ein einfaches Loch so mitten im Schloss vom höchsten Punkt zum Keller hinab.«

            »Ja, hast Recht.«, stimmte Dante zu. »Doch dass das Buch noch stärker summt

In einem noch viel schön’rem Ton erscheint als Zeichen mir, dass hier

Mehr liegt als das Auge sieht.«

»Genau so ist’s. Wie bei Knafrák

Ist hier drunter eine Macht verborgen, die in Ketten glatt

Gebunden ist und so dem Land und allen seinen Menschen dient.

Doch da dem Augenlicht verborgen, verlieren sie sie aus dem Blick.

Theóphanús geschrieb’nes Buch nun macht es fassbar und das ist

Gänzlich neu und einzigartig.«

                                               »Diese Dinge weißt du nicht,

Weil du Fährmann draußen bist.«

                                                           »Wahrlich nein, man könnte sagen,

Der Fährmann ist ein Zuverdienst. Im Grunde bin ich Mythograph,

Wächter, Forscher und Entdecker. Ein wenig weiß ich von Magie.

Lass sehen, was das Buch uns weist und was zu zeigen es vermag.

Sorg’ dich nicht, es wird hier nicht, zu laufen suchen, denn die Macht,

Ist hier anders.« Also löste Dante vom Gürtel das summende Buch.

Doch rührt’s sich nicht, es schwebte nicht, es summte nur so vor sich hin.

Zögernd öffnete Dante es ganz vorne, wo das einz’ge war,

Das er bisher lesen konnte und eh’ er wusste, wie ihm geschah,

Begann er schon zu rezitieren, als würden die Worte danach gieren,

Nicht gelesen, doch auch gesprochen, den hohen Raum nun zu erfüllen:

»Bist du jemals dort gewesen?

Dort im Schlosse Thé-udisk?«

Und wie als ob der Eifer ihn dazu anhielt gleich einzustimmen,

Sprach sogleich Ruówanú die nächsten Verse für ihn aus:

»Weithin sichtbar für dein Auge

Bleibt es ihm doch stets verborgen.

Fern von aller Welten Treiben,

Wird stets es deren Zentrum bleiben.«

»Sei gewarnt!«

So riefen sie die mahnenden Worte im Mittelteil gemeinsam aus,

Um im Wechsel nun sogleich die Verse jeweils aufzusagen:

»Findest du den Weg hinein,« (Ruowanu)

»Wird’s hinaus unmöglich sein.«

»Trittst du untern Toresbogen,«

»So dann bist du gewiss verloren,«

»Bist du jemals dort gewesen,«

»Dort im Schlosse Thé-udisk.«

So schloss Dante das Gedicht und währenddessen hatte sich

Der Turm gewandelt, die Wände waren roh und grob nun länger nicht,

Sondern glatt gar boten sich die Mauern dar, die Quader groß,

Die Fugen glatt und leuchtend zogen Linien sich daran empor

Und bildeten Eb’nen und Treppen nun und Leitern, Stege oder Brücken,

Die scheinbar wild und gar chaotisch von allen Seiten zu den and’ren

Und immer weiter hinauf zum Ende des off’nen Turmes reichten, wo

Der Mond noch groß und goldgelb prangte. Ruówanú, der lachte, langte

Mit der Hand an die erste Kante eines Steigs und seufzte selig:

            »Was habe ich den Zauber gesucht, der diesen Turm zum Sprechen bringt

Und Theóphanú, sie hat’s aus ›Turm‹ heraus tatsächlich doch

Geschafft den Zauber für zu weben! Ein Turm, der nur durch Poesie

Den Klang von gutgeformten Sätzen wiedergibt in Architektur!

Turris carmina poetica relucens!«

Dante wollte grade fragen, in welcher Sprache die letzten Worte

Gesprochen waren, als unmittelbar die Formen verblassten, die Brücken gingen.

Von irgendwo aus diesem Schloss erkroch ein eis’ges Schweigen sie,

Ein kalter Schauder, der jegliche Freude an Poesie und Architektur

Zum Erstarren bracht’, das Leuchten schwand zur Gänze aus dem Turm.

»Wir müssen uns beeilen, sie sind näher schon, als je gedacht!«,

Sagte nur Ruówanú und zog ihn mit sich aus dem Turm.

2 Antworten zu „Kapitel 21: Turris poetica relucens“

  1. Avatar von Valeria Politino
    Valeria Politino

    Willkommen zurück ✨

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    1. Vielen Dank :) Ich hoffe, die erste Lektüre war gefällig.

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