Kapitel 20: Echo der Vergangenheit

Dieses Mal war die Veröffentlichung echt knapp und ich glaube, man merkt es dem Kapitel an einigen Stellen an, dass man daran noch etwas hätte feilen können. Dennoch bin ich zu 80% zufrieden damit. Da ich aber momentan wirklich unter Zeitdruck dichten muss, um das nächste Kapitel bis zur Veröffentlichung fertig zu stellen, und auch meine Dissertation etwas Zuspruch braucht, werde ich die nächsten beiden Wochen aussetzen. So gewinne ich etwas Schreibzeit (und kann auch einige Plot-Entscheidungen treffen). Ich wünsche euch also viel Spaß und hoffe, dass ihr mir die Pause verzeiht, aber es soll ja gute Dichtung bei raus kommen und nicht irgendein unausgegorener Schund. Immerhin gibt es für Dante zumindest kleine Lichtmomente nach seinem Zusammenbruch…

Wieder schlief Dante und wieder war Nacht, als endlich er erneut erwachte.

Er stützte sich auf und fühlte, wie ihm neue Kraft die Glieder erfüllte.

Und Durst und Hunger, dazu der Drang, sich zu erleichtern, hießen ihn

Aufzustehen, dem Körper endlich zu geben, wonach er verlangte.

Kein Vorhang bauschte und niemand kam, um ihn zu besuchen. Er musste wohl

Selber sorgen, sich erheben und wagen den Schritt zurück ins Leben.

Er warf das Leinenhemd drum ab und zog sich Sældras Kleider über,

Gürtete sich und schob den Vorhang selbst beiseite. Der nächste Raum

War die Werkstatt eines Mannes, der vom Fährdienst leben musste.

Taue, Seile, Netze, Rollen, Haken, Blöcke, Tuch und Säcke

Hingen von den niedrigen Balken eines Hauses, das kaum besser

Als der Verschlag beschaffen war. Die Holzwand vor ihm beherrschte eine

Werkbank, die mit Hobeln und Spänen und Spinnenweben belagert war.

Sie schien schon lang’ nicht mehr benutzt. 

Die Wand zu seiner Rechten dagegen

War aus massiven Quadern gebaut und glatt gefugt und auch so grade,

Dass sie wohl schon lange vor der Hütte ihren Platz dort hatte.

Unbeholfen aus kleineren Steinen war ein Kamin daran gemauert.

Ein Feuer loderte drin und etwas Brot, noch frisch, lag auf dem Sims.

Vom Fährmann keine Spur, kein weit’res Bett sah er in diesem Raum,

Keine Treppe und keine Leiter wies ein and’res Stockwerk an.

Er ging zuerst zur Tür hinaus und schier verschlug es ihm den Atem:

Dort lag er unterm Mondeslicht, gewellter Spiegel, und unermesslich

War der See, dess’ Ufer auf der anderen Seite grade so

Ersichtlich war. Gewaltig war der Stortemelk, er war ein Himmel

Gebannt ins tiefe Bett der Erde, zu spiegeln, was dort in ihn fällt.

Das leichte Plätschern von zärtlichen Wellen am grasbewachs’nen Ufer klang

So angenehm in Dantes Geiste, dass seine Seele unwillkürlich

Dazu sang, erfüllt, zufrieden, gesegnet mit dem Augenblick.

Doch holte ihn der Körper gleich mit seinem Drängen wieder ein.

Nachdem er sich entleert, ging er zurück zur Hütte, aß das Brot

Und trank noch Wasser aus einem Krug. Und endlich gekräftigt und

wieder geschäftig

Ließ er seine Kleider fallen und sprang in den See und grinsend tauchte

Er aus den kühlen Fluten auf, das Wasser teilend mit strebenden Zügen,

Um seine Glieder in die Umarmung des allumfangenden Wassers zu fügen.

Erst als er sich zum Ufer wandte, gewahrte er der Schlossruine,

An die die Hütte gezimmert war. Sie fügte sich organisch in

Die Hänge der Hügel am Ufer ein und rankte sich mit einigen Türmchen

Daran empor, nur leicht überragt vom Hügel dahinter, dess’ eine Flanke

In den See sich schob, das sonst so flache Ufer zweizuteilen.

Das Schloss war so vom sorgenden Hügel gut beschirmt, beschützt, sodass es

Vom Wasser zwar, von hinter den Hügeln dafür nicht, zu spähen, zu

Erblicken war. Verspielt war es und kein Gebäude stand für sich,

Sondern alle fügten sich zu einem harmonischen Ganzen zusammen.

Wie Dante sich inzwischen aus dem Wasser erhoben, getrocknet hatte,

Beschloss er, seinen Wirt zu suchen, den er in der Schlossruine

Vermutete, auch wenn des Nachts wahrhaftig eine Unzeit war,

Zwischen alten Gemäuern zu stolpern, zumal er sich zwar ausgeruht,

Und fokussiert und fähig fühlte: Doch wollt’ er sich erinnern, was

Ihm zwischen ›Turm‹ und der Wut Knafráks und zwischen Greif und Sturm geschah,

So hatte er nur noch Fetzen und Bilder. Sein Kopf bestrafte den Versuch

Mit völliger Leere und pochenden Schmerzen. Drum borgte er eine Fackel sich,

Um wenigstens im Hier und Jetzt nach Antworten und Zeichen zu suchen.

Etwas geschah in ihm, als er die Schwelle des Schlosses überschritt.

Es war, als ob die vergangene Zeit für ihn noch hörbar war. Das Echo

Der Stimmen von einst durchwaberte verwaiste Räume und floh doch nicht

Durch die Löcher in Dach und Gebälk, die Mondlicht in die Stuben ließen:

Weiße Flecken auf Teppichböden, auf Dielen, auf Schutt, auf Staub, auf Stein.

Es schien, die Zeit, die alles tilgt, wenn lang genug sie Wohnung hat,

War in manchen Zimmern schneller, in anderen noch nie gewesen.

Hier gab’s Deckenmalereien, die strahlten wie am ersten Tag

Und Möbel standen unberührt und luden zum Verweilen ein.

Dort hingegen roch es modrig, Feuchtigkeit war eingedrungen,

Der Boden schimmlig, das Fenster geborsten, die Malerei schon lang verblasst.

Ruówanú, wo war er nur in diesem Labyrinth aus Räumen,

Gängen, Treppen, Fenstern, Türen? Sein Buch, es schien’s genau zu spür’n,

Denn am Gürtel zog es leicht, wie Kinder – wenn sie etwas reizt,

Das auf dem Markt sie gerne hätten – am Ärmel ihrer Eltern ziehen.

Sanft nur, schüchtern, nicht zu stark, gierig nicht, doch neugierig.

Mit Unbehagen starrte Dante auf das Buch, das leicht vibrierte.

Er wollt’ nicht wie beim letzten Male hinter laufenden Büchern stolpern,

Um im besten Fall den Zorn von Zauberern, im schlechtesten

Einen Unfall mit landesweit verheer’nden Folgen hervorzurufen.

Stehen blieb er, um zu sehen, ob das Buch sich wandelte,

Den Gürtel aber würd’ er nicht noch einmal aus dem Leder ziehen!

Das Buch, es summte und es wurde etwas stärker, doch es fehlte

Der plötzliche Drang, das Impulsive, womit’s zur windschiefen Flöte eilte,

Kaum, dass Dante’s nah genug zum Kern der Siedlung getragen hatte.

Er schaute auf und vor ihm stand Ruówanú, das Buch am Gürtel

Grinsend musternd. Dante erschrak: »Aetheria behüte mich

Vor lautlosen Wirten und spöttischem Schalk!«, rief er aus, um seinem Schreck

Stimme, Richtung und Wort zu verleihen.

                                                                        »Aber, aber. Hast du mich

Etwa nicht herankommen hör’n?«, grinste da Ruówanú.

            »Wie denn, wenn du wie ein Geist nur über diese Dielen schwebst?«

            »Dann musst du deinen Hörsinn schärfen, mein Tritt macht nämlich

schon Geräusche.«

Und zum Beweise setzte er den linken Fuß zurück, die Dielen

Knarzten leicht nur, aber vernehmlich. »Dein Buch jedoch ist spannender.

Es scheint uns etwas sagen zu wollen.«

                                                                        »Das letzte Mal hat’s Beine bekommen

Und rannte vor mir weg, besessen, von einer Macht, die größer war.

Knafrák konnt’ es mit Mühe bannen und war sehr ungehalten drum.«

            »Das sieht ihm ähnlich. Er war schon immer ungehalten, wenn seine Kraft

Seinem Anspruch nicht entsprach.« Dante schaute nur verdutzt.

            »Du kennst den Troll?«

                                                          »Ja, freilich, wohl.«

                                                                                               »Dann kennst du auch Theóphanu?«

            »Sicherlich. Und dieses Buch, es stammt aus ihrer Feder. Ich

Sehe es der Handschrift an. Der Schwung ist einzigartig sauber.«

Dante starrte ratlos drein: »Im Buch also hast du gelesen?«

            »Was soll ich tun, wenn dich die Ohnmacht in ihren Fängen hält und Schrift

Das einz’ge ist, was spricht, wenn alles andere keine Stimme und auch

Keine Worte für mich hat? Ich wollte wissen, was denn dich

So weit gen Süden verschlagen hat.«

                                                           »Und weißt du’s nun nach der Lektüre?«,

Fragte Dante ungehalten. Dass jemand and’res in seinem Buch,

Das er noch nicht mal lesen konnte, einfach las und nicht mal fragte,

Erfüllte ihn mit selt’ner Wut. Denn niemand sollte ihm das Letzte

Nehmen, was nur er allein von ihr erhielt. Die Brauen hob 

Ruówanú wie Sældra auch: »Warúm denn nun so ungehalten?«

»Warum? WARUM?! Das fragst du noch?! Du bist der dritte auf meiner Reise,

An den ich scheinbar zufällig gerate, der Theóphanú 

Besser kannte, als jemals ich in all der Zeit, die sie in ›Turm‹

Bei uns gelebt. Warum hat sie von euch nicht einmal nur erzählt?!

Warum ist denn Knafrák erbost, wenn er nur ihren Namen hört

Und du feixt und grinst und liest das Buch, das sie mir einst hat anvertraut

In dem Moment, in dem sie starb! Ich, ja ich sah sterben sie!

Ich hielt sie röchelnd in meinen Armen, mir hat sie das anvertraut!

Keiner von euch nur war bei ihr bei ihrem letzten Atemzug,

Keiner hat sie je besucht und doch wisst ihr viel mehr als ich

Über sie, über dieses Buch, lesen könnt ihr verlor’ne Sprachen!

Es ist zum Kotzen! Lernen muss ich und alles mühevoll versteh’n,

Nach Théudisk in den polternden Bergen rennen, eh’ das Eis sich schließt

Und jeder von euch könnte einfach sagen mir, was drinnen steht!

Wozú soll das denn gut noch sein? Ich raff es nicht und will nicht mehr.«

Die letzten Worte war’n gehaucht und Dante sank schluchzend auf den Boden,

In Händen das Gesicht begraben, die Schultern zuckten wild und gaben

Erst nach einer Weile nach und sanken ein und klein blieb Dante

Am Boden gekauert, der einsame Streiter. Und das Buch, es summte weiter.

2 Antworten zu „Kapitel 20: Echo der Vergangenheit“

  1. Avatar von Valeria Politino
    Valeria Politino

    Mach dir keine so große Sorgen, die Qualität bleibt unverändert sehr hoch 😁 erhol dich gut, wir bleiben gespannt!

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    1. Puh, über dieses Urteil bin ich aber sehr froh ^^ Vielen Dank für dein Verständnis :)

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