Das Wetter schlägt um und Dante wohl mehr, als erst zu ahnen war, aufs Gemüt.
Golden hatte lange Zeit der Herbst sich auf dem Weg gezeigt,
Doch kurze Zeit, nachdem der Greif – warum auch immer er das tat –
Dante ihren Hort gezeigt und dann hinauf entschwunden war,
War das Wetter umgeschlagen. Um die Wette jagten nun
Dicke Wolken, voll beladen, schwer und dunkel und so tief,
Dass fast sie nicht zu fliegen schienen, sondern über’n Boden krochen
Wie Tausendfüssler mit Myriaden kleinster Beine, die eiferten
Dante zu streifen, ihn zu tränken und zu einem Wassergeist
Umzuformen, der aufgedunsen waberte, und angeschwollen,
Fett und feist und beinah gänzlich schon verschmolzen war mit allem,
Was ihn sonst umgab. Er hatte so viel Glück gehabt bisher
Auf dem Weg und merkte das, sobald ein trüber Regen barg,
Was trotzig sich gen Himmel streckte, um Konturen zu erhalten,
Sich auszuzeichnen, abzuheben, im Sein nach seinem Selbst zu streben.
Doch Regen machte alles gleich und Wolken machten alles grau.
Die Welt, sie klang auch anders, wenn der Regen auf sie niederfiel.
Er tönte einerseits und machte and’re Stimmen deshalb stumm.
Und and’rerseits begannen die Dinge mit Regenstimme bald zu sprechen.
Sie war ein tiefer Bass im Chor, der all die and’ren hellen Stimmen
Zu sich zog, weil er zu tief und herrschend durch die Lüfte schwang.
Der Bach zu Dantes Rechten hatte in den letzten Stunden seine
Stimme mehr und mehr dem Regen angeglichen, abgedunkelt.
Er sprach nicht mehr, er grummelte genau wie in der Höllenklamm,
Jener Schlucht, in die er stürzte, als dunkel ward der Weg verkannt.
Regenstimme zu Grabesstimme. Die Nässe kroch in seine Gedanken
Und wie der Blick nach außen immer verhang’ner ward und regenschwer,
Begann er mehr das Inn’re zu schauen. Das geist’ge Auge regte sich,
Wie dem Blick die Differenz, die Welt in Formen einzuteilen,
Mehr und mehr und stetiger, zur Gänze fast, entzogen wurde.
Die Gänge waren lang und schmucklos, die das Auge dort erblickte.
Steinern erst und monumental, doch nach und nach nur grob behau’n,
Der Boden holprig und starrend vor Dreck und Schutt lag überall verstreut.
Diese Gänge hatte er nur dürftig und in größter Hast
Angelegt und Wasser stand in Pfützen überall und troff
Von der Decke, von den Wänden. Hatte Regen schon den Weg
Hinein in diese Hall’n gefunden, die fern von aller Welten Treiben
Bestanden, wie er weiterlebte? Ein Scharren und ein Stöhnen lösten
Ihn vom Wasser. Vor ihm im Gang, die Ecke rum, da war etwas.
Er wusste gleich, er wollt’s nicht seh’n und drehte um, doch war da Wand,
Wo grade eben Gang noch war. War er lautlos eingestürzt?
Er drehte sich und hörte Kratzen von Nägeln auf dem harten Stein.
Stöhnen, Ächzen, Kratzen, Seufzen. Das Wasser rann mit einem Mal
Schneller von den Wänden, floss zu ihm und nässte seine Füße.
Er stand im Bachlauf, dunkel war, dunkel gar war seine Stimme.
Nein! Das nicht! Er wollte nicht! Er wollte’s nicht noch einmal seh’n!
Die Ecke bog sich unversehens immer weiter zurück, sodass
Nach und nach ihm preisgegeben ward, was dort verborgen lag.
Stöhnen, Ächzen, Kratzen, Seufzen. Nein! Er wollt’s nicht nochmal seh’n!
Er wollte seinen Kopf nun dreh’n, den Blick abwenden, war doch starr.
Wollt’ die Augen schließen, doch fehlten ihm die Lider gar.
Die Hände wollten vor’s Gesicht, den Anblick letzlich abzuwehren,
Doch war’n sie mit der Wand verwachsen und ließen sich nicht mehr bewegen!
Der Gang bog sich zurück und frei und sichtbar war die Höllenklamm!
Tod in der Klamm! Verdrehte Glieder, starre Blicke, geöffnete Lider!
Höhnisch grinsten die Wasserleichen aus aufgeduns’nen Gesichtern. Sie
Krochen und schabten im steinernen Bett. Aus gurgelnden Schlünden lachten sie:
›Glaubst du denn, du könntest uns hier drin vermauern und vergessen?
Nein! Die Zeit, war sie bereit, hat dich von selbst hier hergeführt
Und reglos waren wir nicht und haben uns stetiger an dich heran,
Immer weiter ran gegraben. Wie konntest du den Mut nicht haben,
Dich anzunähern, uns zu sehen, zu bestatten, den quälenden Schatten
Des Unrechts, das uns widerfahren, zumindest richtig aufzubahren!
Einzig du weißt nebst den Tätern, dass wir dort am Grunde faulen!‹
Dante machte sich frei und rannte an ihnen vorbei den Gang entlang!
Nein, das war nicht wahr. Das Wasser, das plaudernde, das wusst es auch!
›Niemand hört des Wassers Stimme im Norden noch, das weißt auch du!‹
Doch jemand and’res wird euch finden und für Gerechtigkeit dann sorgen!
›Niemand steigt in diese Klamm! Nur du bist dort hineingestürzt
Und hast dank uns ganz unbeschadet den Sturz, den tödlichen, überlebt!‹
Ich hatte Angst! Ich wollte Feen! Geister, Winde und Magie
Und alles, was ich sah, war Schauder, Schrecken, Schmerz und tiefer Schock!
›Oh, das tut uns leid, dass wir, nachdem wir tückisch umgebracht,
Für dich uns nicht noch hübsch gemacht und Schmetterling geworden sind!
Wir sind doch die ersten nicht, die tot vor deinen Augen liegen!
Einen fünften hast du noch in steinernen Hallen gut versteckt!‹
Nein! Ich weiß nicht, was ihr meint!
›Lüg doch nicht, du weißt’s genau!‹
Und Dante rannte in Gedanken, sein Blick nach außen ganz verschleiert,
Während er durch trüben Regen stolperte. Und formlos war
Die Welt um ihn herum und grau und schwerer fielen Regentropfen
Und schneller stets. Und finstrer wurde der Himmel über ihm. Ein Sturm,
Des Herbstes Geißel und herrischer Freund, begann mit Fauchen anzuklopfen.
Doch Dante war wie blind und taub, der eigenen Gedanken Raub.



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