Kapitel 15: Ein Augenblick

Und nachdem Knafrák so laut und grimmig war, folgt nun ein sehr leises Kapitel, das, wie ich gestehen muss, für mich sehr schwierig zu interpretieren war. Nicht wusste ich genau, wie ich meine Stimme modulieren sollte, um das ausdrücken, was dort steht. Aber urteilt selbst und lasst mich gerne wissen, ob ihr das für gelungen haltet oder nicht.

Ein scharfes Tempo hatte Dante, sobald Knafrák sich umgedreht,

Angeschlagen, um der Meilen möglichst viele aufzuhol’n,

Die von Théudisk und den verlor’nen Sprachen trennten ihn.

Er machte Halt, nur wenn die Nacht hereinbrach oder Proviant

Knapp genug war, dass die Not ihm Nahrung zu beschaffen gebot.

So rasch zu traben durch den Herbst, das hielt ihn auch vom Denken ab,

Auch wenn die Füße schmerzten und die Beine immer schwerer wurden.

Und Dante wusste insgeheim: Er fürchtete bis ins tiefste sich

Vor dem Strudel, der dort malmte, der brodelte und fraß und qualmte.

So trank vom Schlauch er und bemerkte, dass Wasser ihm zur Neige ging.

Er brauchte Nachschub, musste drum nun einen Quell, ein Bächlein finden.

Doch sein Auge fasste nichts, drum mussten seine Ohren ran.

Auf Wasser hatte er zu lauschen schnell gelernt. Solange es 

Trinkbar war, war seine Stimme dem Murmelbach sehr ähnlich meist.

Er hielt im Laufen inne, hockte auf den Weg sich, schloss die Augen,

Lauschte, lauschte in die Stille. Kein Wind, der durch die Kronen strich,

Bunte Blätter von Zweigen riss, den müden Grashalm weiter bog.

Kein Vogel rief, schlug mit dem Flügel, Nahrung suchend für die Brut.

Kein Nager sprang von Baum zu Baum, um seine Früchte fortzunehmen.

Stille herrschte im ›wilden Herzen‹.

Wohér der Name eigentlich kam?

Inwiefern denn war es wild, von Wildnis einmal abgesehen

Und Trollen, die über Stätten wachten, die Geräusche selber machten?

Da hörte er in die Stille hinein ein Plätschern bald zu seiner Linken,

Den Hang hinab nicht all zu weit. Er schlug sich in die Büsche direkt,

Schob durch Gesträuch und Felsen sich und kam an einen kleinen Bach,

Harmlos, klar und kühlend und flach. Er konnte dem nicht widersteh’n,

Seine dampfend heißen Füße aus dem Leder zu befrei’n und

In das kühle Nass zu tauchen. Seufzen. Ja, das tat ihm gut.

Er füllte grade seinen Schlauch, als Dante einen Laut vernahm.

Es war ein Tierruf, den er so in keiner Weise vernahm zuvor,

Auch wenn er Adlern ähnlich war. Es kam von unterhalb und so

Lief Dante hinab am Bach entlang, der flugs in einen Weiher sich

Ergoss, jedoch so sanft, dass trotz des Zustroms allen Wassers nicht

Eine Krümmung auf dem Weiher, nicht eine Welle sichtbar war.

Tief war er und gänzlich rund. An seinem Rand gar ohne Zahl

Standen trotz der Jahreszeit Blumen in gelber Blüte so dicht,

Denen das Feuer der Sonne glich. Der Teich indes war dunkel und tief,

Von schwarzer Farbe fast, doch nicht von Dreck und Schmutz. Das Wasser war nur

Unergründlich wie die Nacht, ganz mond- und sternenlos gemacht.

Doch eingefangen von hellem Glanz des Sonnenfeuers, strahlend klar.

Es war, als blickt’ aus diesem Teich – Theóphanu. Ein einz’ges Mal

Hatte er in ihren Blick verloren sich und ihre Augen

Waren das, was er hier sah. Jede Iris ein Sonnensturm,

Machtvoll leuchtend, erhaben strahlend, unbarmherzig jeden sengend,

Der für diesen Augenblick nicht geschaffen worden ist.

Doch im Herzen dieses Feuers ruhte eine tiefe Kraft,

So still und leis’ wie ein Wintertag, wenn der erste Schnee es schafft

Die Landschaft friedlich zuzudecken. Nein, das war bei Weitem nicht

Im Ansatz gut, Theóphanus Pupillen treffend zu beschreiben. 

Denn Wintertage gingen wieder und wurden heiter, wenn die Kinder

Im Schnee zu spiel’n begannen. Nein, das Dunkel der Pupillen war

Die Tiefe nur des Ozeans, Tiefen, die beängstigten,

Die kein Mensch erblicken oder überhaupt ertragen konnt’.

Das war der Blick Theóphanus. Tiefste Stille, unerklingbar,

Umrauscht vom flammenden Sonnensturm. Der Blick war keines Mensch Blick,

Ein Kosmos war er, eine Welt, die ganz Ausónien schlucken konnte.

Eine Welle auf dem Teich verbreitete sich langsam und 

Sehr, sehr nahe folgte ihr noch eine zweite. Sie kreuzten sich

Und spiegelten kurz nur Dantes Gesicht, aus dem zwei Quellen überreich

Den Weiher mit ihren Wassern tauften. Doch eine dritte Welle zog

Von oben über die and’ren her, verwirrte sie und kreuzte sie, 

Größer gar, doch lauter nicht wie Trost, der über Trauer streicht.

Dante hob den Blick, der kurz Ausónien verlassen hatte

Und sah am anderen Ende des Teichs ein Wesen eines anderen Reichs.

2 Antworten zu „Kapitel 15: Ein Augenblick“

  1. Avatar von Valeria Politino
    Valeria Politino

    So unfassbar schön war die Beschreibung von Liebesblick 💗

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    1. Danke für das Kompliment, ich selbst war mir sehr unsicher damit :)

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