Dante hat es irgendwie geschafft, das Hochland zu verlassen und Midstadt zu erreichen, eine Stadt, in der es alles zu kaufen gab, was man sich vorstellen konnte. Allerdings kann man daran nur partizipieren, wenn man auch die notwendigen Groschen dabei hat…
Mehr schlecht als recht hat Dante sich vom Hochland in die Ebene
Durchgeschlagen. Alle Straßen hat er tagelang gemieden,
Um nicht doch noch eingeholt, gehindert und befragt zu werden.
Sein Essen hat nicht lang gereicht und wäre nicht das Reh gewesen,
Das auf seinem Weg dort lag, von recht gewalt’gen Klauen gerissen
Und an der Kehle durchgebissen und vom Jäger keine Spur:
Von Beeren hätte Dante dann oder auch von Wurzeln nur
Den ganzen Weg lang leben müssen. Abgemagert war er zwar,
Aber doch nicht ganz verhungert. Geld – das wurde schmerzlich klar –
Wäre nützlich hier gewesen. Doch keines hat er eingesteckt,
Denn als Dieb wollt’ er nicht gelten.
Wahrlich, wahrlich ganze Welten
Lagen zwischen ›Turm‹, das er schon seit dem siebten Lebensjahr
Bewohnte, und der Stadt, die er soeben durch das Tor betrat.
Dreimal nur ist er bisher mit Maeven in der Stadt gewesen
Für Besorgungen und Geschäfte, die nur hier zu schaffen waren.
Midstadt hatte mehrere Märkte für Fleisch, für Fisch und für Getreide.
Besucht war’n sie das ganze Jahr, denn aus dem ganzen Norden gar
Ausóniens strömten ganze Scharen nach Midstadt, um hier einzukaufen.
Midstadt konnt’ man gut erlaufen, denn Wege aller Richtungen
Liefen hier zusammen und der Fluss, der aus dem Norden kam,
Führte hier nun so viel Wasser, dass man ihn von Midstadt an
Befahren konnt’ mit größ’ren Flößen und unter langer Stangen Stößen
Fuhren Kisten mit lauter Flaschen gen Süden in Ausoniens Herz.
Denn wohlgeordnet, gut betucht, gut gesäubert und beschuht
War die Stadt nur wegen der Tränke. Man kaufte sie in jeder Schänke
Entlang der großen Handelsstraßen. Jene, die mehr Schritte maßen
Als üblich, wenn sie wandern gingen, konnte ihrer Beine Gelingen
Mit dem Wandertrunk verstärken. Andere ließen Gläser härten,
Sodass die Scheiben in den Häusern auch vor Hagel sicher waren.
Andre heilten Fieberschübe, die nächsten ließen Blut gerinnen,
Wenn es weiterfließen wollte. Andre wiesen Regen ab,
Wenn auf Kleidung aufgetragen. Trocken blieb dann jeder Kragen,
Weil das Wasser an ihm perlte wie an einer Lotusblüte.
Tränke gab’s in allen Farben, dank ihnen musste niemand darben.
In Mitstadt pufft’s und brodelt’s viel, es lachen in der Dämpfe Spiel
Die Hexen, Midstadts ganzer Ruhm. Es atmet hier das Brauertum.
Doch gab’s auch Tränke, die nicht jedermann im Alltag gern bemühte:
Tränke, die vergessen ließen; die willenlos verrichten hießen,
Was die Schöpfer richtig deuchte; Tränke, die man nicht einmal
Reichen musste, da die Dämpfe oder Spritzer auf der Haut
Reichten, Wirkung zu entfalten. Einmal soll es einer Hexe
Mit gesprühtem Zaubertrank gelungen sein, dass alle Menschen
Im Laden dessen Tropfen atmen und von fortan immer Pilze
Suchten, wo sie eben waren, sie der Hexe brachten und
Nicht nur ihre Bezahlung vergaßen, sondern nach und nach den Rest,
Bis wandelnden Gerippen gleich, gemarterter Gesichter reich
An Erschöpfung sie erblichen und des Lebens Kräfte wichen.
Natürlich ist die eine Hexe, die Kunden wissentlich verdarb,
Aus der Stadt gejagt und das Rezept überall verboten worden.
Doch Zwiegesichter gab es immer. Sie lächelten und fluchten nimmer,
Lockten andre in ihre Netze und warteten, bis Fluch und Hetze
Zur richtigen Zeit den Mund verließen. Mit Wonne und mit Freude stießen
Sie alle in den Abgrund, die Geschäft und Umgang mit ihnen hegten.
Doch Dante brauchte Tränke nicht, er brauchte Geld und hat versäumt,
Pilze auf dem Weg zu sammeln, die hier hohe Preise brachten.
Pilze war’n das A und O für jeden Trank, denn, wahrlich, dank
Ihnen konnt’ sich jeder Zauber jedes Trankes erst entfalten.
Noch dazu war der Bedarf an Pilzen gradezu gewaltig,
Denn die Hexen suchten stetig, neue Rezepte zu kreieren
Und nicht selten galt’s bei manchen Misserfolgen zu verlieren,
Was der Vorratsschrank bis eben noch bereitgehalten hatte.
Das einzige in Dantes Habe, das er zu verkaufen hoffte,
War die Rolle mit Vokabeln, die er unterm Turm gelesen,
In der Hoffnung so das Buch Theóphanus sich zu erschließen.
Abrogans das war sein Anker und die Hoffnung auf sein Essen.
Also ging er in den Laden, der Bücher bot und Schreibbedarf.
Die Theke war sehr aufgeräumt. Ein jeder Bogen Briefpapier
Hatte seinen eig’nen Platz, das Pergament lag aufgerollt
In Einzelblättern im Regal und Bücher lagen prächtig aus,
Die Wen’gen, die’s zu kaufen gab. Der Eigner hatte finstre Züge
Angenommen, als Dante den Laden mager in gräulichem Mantel betrat.
Eine Hexe in dunklem Grünton stand im Laden an den Büchern,
Den Rücken Dante zugewandt.
»Was willst du, Junge, sag und sprich!«,
Schnauzt’ ihn der Besitzer an. »Bettler und Diebe, die dulden wir nicht.«
»Ich wollte nur…«
»Ja, was denn nun? Vergeude mir nicht meine Zeit!«
»…Fragen, ob Sie diese Rolle etwa von mir kaufen möchten.
Das Geld, das könnt’ ich gut gebrauchen.« Er hielt dabei die Rolle hin.
Er lachte schallend, sein dicker Bauch, der schüttelte vor Häme sich.
»Siehst du all das Briefpapier und das Pergament und hier
Die neusten Bücher un’srer Zeit? Was soll ich mit der Rolle?! Zeig
Her, die ist ja schon beschrieben und zerknittert, ausgefranst.
Was soll da stehen? ábgrogans? und sanftmuoti? Mal ganz im Ernst:
Ausgedachte Sprachen, die nur deiner Fantasie entspringen,
Wirst du hier bei mir nicht los. Verschwinde jetzt aus meinem Laden
Oder soll ich dich verjagen?« Der Mund, er grinste, doch die Augen
Schickten Blitze und Dante machte gleichsam auf dem Absatz kehrt.
Ein Obolus blieb ihm verwehrt und Essen war noch keins in Sicht.


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