Vielleicht wäre es besser für Dante gewesen, er hätte verstanden, was das Wasser erzählte. Vielleicht hätte es ihm aber auch nicht geholfen, den Anblick zu überwinden, dessen er teilhaftig wurde.
Er fiel weich. Er brach sich nichts. Er überlebte diesen Sturz,
Den alle and’ren vor ihm schon bezahlten mit dem eig’nen Leben.
So erzählt’ man Generation für Generation den Kindern hier
Als Warnung, sich dort fernzuhalten. Für Dante aber, schien es, galten
And’re Regeln und Gesetze. Geschichten gab’s von guten Geistern,
Die Worte flüstern, Sachen brachten, Orte zeigten, Wind entfachten,
Mit Menschen einen Bund eingingen, sie ehelichten und sie fingen,
Wann immer sie in Täler stürzten; ganz real und metaphorisch.
Wie Dante sich vom Sturz erhob, war er beinah schon euphorisch,
Denn groß und größer war sein Wunsch, die Geister aus den Feenmärchen
Mit eig’nen Augen anzusehen. Er blickte hinab. Er sah. Er schrie.
Sprang auf von Panik ganz ergriffen und hechtete wie oben schon
Weit nach vorne, weg von dem, was seinen Sturz gemildert hatte.
Tod in der Klamm! Verdrehte Glieder, starre Blicke, geöffnete Lider
Und Wasser, das sich über sie ergoss, sie kühlte. Aufgedunsen
Vom Wasser waren sie, das munter sprudelnd seine Worte brachte,
Unbedacht und sehr naiv und schauderte, als es erkannte,
Dass Wasser zwar enthalten war, das Leben aber längst entwichen.
Dunkler wurde seine Stimme, als die Leichen es verließ.
Vierer Menschen letzter Atem-zug just hier gen Himmel zog,
Kaum zwei Wochen, ehe Dante sich – aufgebrochen – südwärts wandte.
Dante hatte sich ein wenig vom Schreck erholt, der dreifach ihn
Von oben an der Eberesche bis hierhin gepeinigt hatte.
Doch diese Geister wollt’ er nicht betrachten oder wirklich wissen,
Was mit ihnen einst geschah, bevor sie in die Klamm gestürzt.
Ihn fröstelte am kühlen Grund, zerrissen war durch seinen Fall
Der Mantel und die Kleider waren voll des Wassers, kühl und klar.
Das Buch, das Buch! War es nun nass, Theophanus Schrift etwa zerlaufen?!
Aetheria sei gedankt, dass es bei seinem Sturz wohl oben lag.
Mit Wasser hat es nicht gesprochen, die eig’nen Worte wohl bewahrt.
Er lief hinab und folgte dem Bach, um durch Bewegung warm zu werden.
Da fand er etwas abwärts nun ein Bündel in der Strömung liegen,
Das durch das Wassers Drängen gegen einen Stein gestoßen ward.
Hölzern klang des Bündels Stoß, obwohl nur Stoff zu sehen war.
Er langte hinab und hob’s heraus, setze an das Ufer sich
Und wickelte begierig aus, was darin verborgen lag.
Ein Kästchen war es, schön geschnitzt, aus Nuss gefertigt, dunkelbraun.
Sterne waren eingelassen, die des Nachts zu funkeln schienen.
Verschlossen war das Kästchen nicht, ja, fast schien es ihm so zu sein,
Dass das Kästchen darauf drängte aufzugeh’n in seinem Schoß.
Es klickte leis’, der Deckel hob sich und in Dantes Blickfeld schob sich
Stoff, ein Mantel, federleicht, elegant geschnitten, weich,
Von unbestimmter Farbe, wie er unberührt im Kästchen lag.
Doch wie ihn Dantes Finger griffen, färbte sich der Mantel grau,
Wie ein Morgen, wenn die Sonne hinter Wolken ungeseh’n
Aufsteigt und ihr Licht zwar bringt, sich selbst jedoch verborgen hält.
Da er nass und müde war, war er dankbar für den Fund.
Er schritt die Klamm hinab, bis er zu grasbedecktem, weichem Grund
Gefunden hatte, wo die Böschung nicht so steil war, dass er
Feuerholz am Hang erst sichten und dann bibbernd schichten konnte.
Das Wasser sprach noch immer schaudernd, das Feuer jedoch munter. Plaudernd
Brachten Sie die Nacht so zu, während Dante, um sich Ruh’
Im Geist zu schaffen, Kammern baute, gut verborgen, wo es graute,
Wasserleichen schrecklich starrten, mit aufgeduns’nen Händen scharrten
An den Wänden, bis sie sich zur schlimmsten Zeit von selbst befreiten
Und schaurig schwankend, schlingernd, wankend Schauder, Graus und
Schock verbreiten.


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