Die anderen schließen Ribbalt schnell ins Herz, obwohl er zum Hausbau keine Kompetenzen zeigt. Sehr zum Leidwesen Dantes, muss dieser nun Ribbalts Aufnahmeprüfung auf sich nehmen und das Hausdach fertig stellen, bevor der erste Regen kommt…
Ich hoffe, mein Gesinge verschreckt euch nicht, aber sonst hätte ja die Kapitelüberschrift wenig Sinn ergeben.
Dante schlief sehr schlecht die Nacht, wälzte viel sich, schwitzte mehr,
Dass man hätte glauben können, der Murmelbach, der hätte drin,
Doch Dante nicht im Bett gelegen. Missmut hüllte ganz ihn ein
Und der Wunsch, sich abzuseilen, unterm Turm für sich zu sein
Und zu lesen, irgendwas. Leider hatte Lochlan für
Dante gänzlich and’re Pläne: »Sohn, wir haben nun entschieden,
Ribbalt bei uns aufzunehmen. Leider hat im Häuserbau
Der Knabe keine Kompetenz. Aber er hat’s rechte Herz,
Geschick in Heilung und Magie, die Nöte hier versteht er gut,
Die uns drängen, wóllen wir so weít im Norden übersteh’n.
Da die Ernte nun im Gang ist, können wir nur wenige
Für den Bau des Hexenhauses und das Schieferdach entbehr’n.
Ribbalt wird im Felde helfen. Also ist es nun an dir,
Serra schnell zur Hand zu gehen und das Werk vorm ersten Regen
Zu beenden. Aetherias Geister kündigen ihr Kommen an.«
Alles, wahrlich, alles wäre Dante lieber heut’ gewesen
Als für Ribbalt an seiner Statt diesen Hausbau zu beenden.
War die Laune vorher nicht am Tiefpunkt sinkend angelangt,
Gab es nun ganz sicher nicht nur einen Punkt, der tiefer noch
Am Grunde hätte liegen können. Dante nickte grimmig und
Lochlan hatte keine Zeit, um sich um Dantes Wohl zu sorgen,
Denn als erster Schirmherr ›Turms‹, dachte er schon stets an Morgen
Und daran schon früh genug das Nötige noch zu besorgen.
Dante schwang sich von der Bank, verließ das Haus, den kleinen Hof,
Der – von Mauern eingefasst – von einem Bergfried ward beherrscht.
Sehr, sehr lange hatte es keinen Kampf in ›Turm‹ gegeben
Und es war nicht abzusehen, dass es dazu kommen würde.
Frieden herrschte hier im Norden. Räuberbanden gab es keine,
Milder war’n die letzten Winter allesamt durchweg gewesen,
Dass die wilden Tiere nicht hungernd in die Ställe drangen,
Noch Geiß noch Lamm noch Kalb verschlangen.
Böse Geister wehrten Hexen zuverlässig magisch ab.
Da Dante grade danach war, ging er nicht direkt zum Haus,
Sondern machte einen Schlenker zu den Schafen in dem Pferch.
Weil alle auf den Feldern helfen mussten, die entbehrlich war’n,
Würde Érin keine Schafe die Hügelhänge aufwärts führ’n,
Sondern hier im Pferch belassen. Dante brachte gerne dann
Ein paar Äpfel, um im Tausch die Finger in die weiche Wolle
Zu versenken. Das bracht’ Trost und war ihm heute mehr denn je
Not, denn wenig Lust verspürte Dante für sein Tageswerk.
»Ich vermiss’ Theóphanu.«, sagte er zu einem Lamm,
Dem er etwas Apfel gab. »Lichtlos ist der Sonne Blick,
Ergraut des Himmels weites Blau. Sturmwind, Regen, Wolkenstrick,
Donnern. Und der Wölfe Bau leert sich, wenn du uns verlässt.
Ja, so fühl’ ich mich an Tagen, die den and’ren heiter scheinen.«,
Seufzte er, den Pferch verlassend, und bemerkte dabei nicht
Érin, die am Zaun gestanden. Finster blickte ihr Gesicht.
Für Dante war, am Haus zu bauen, in dem Theóphanu einst lebte
Reine Folter. Nichts konnt’ sie auch im Ansatz nur ersetzen.
Dante wollte ihre Lehre, ihre Worte, Poesie,
Geheimnisse verlor’ner Sprachen und den Schlüssel dazu, wie
Dieses Buch zu lesen war, was sie damit sagen wollte.
Wo war dieses Théudisk, das im Buch beschrieben war?
Theóphanu, sie marterte ihn. Nein, er wollt’ das Dach nicht bau’n.
Zimmermann, das war er nicht, das Dach war seine Zukunft nicht.
Überhaupt, was sollte er die Prüfung dieses Taugenichts
Nun an seiner Statt beenden, nur weil er gut zeichnen konnte,
Aber dieser Ochse nicht? Gab es keine and’re Hexe,
Die den Weg gen Norden fand? Mussten sie den ersten besten
Nehmen, der sich hier bewarb? Wollte niemand sonst nach ›Turm‹?
Theóphanu, sie hatte sich im Wettstreit ehrlich durchgesetzt.
Gleich drei and’re waren noch damals in dem Dorf erschienen,
Doch nur sie, sie konnt’ die Winde, die vom Mal zu Mal vom Berg
Herab sich stürzten und den Wald mit sich rissen, dass der Bach
– Aufgestaut am hölzernen Damm – beinah’ ›Turm‹ geflutet hätte,
Besänftigen und magisch lindern. Ihre Worte wachen noch
Immer auf dem Bergesgipfel und schützen ›Turm‹ vor fallendem Wind.
Es schien ihm auch als würden die Bäume ums Hexenhaus besonders trauern,
Denn früher als der restliche Wald, da ließen sie schon ihr Blätterkleid
Und in dicken Lagen türmte Laub sich nebst dem Hause auf.
Ein Schatten legt’ sich vor die Sonne, als die ersten Wolkenfetzen
Vom Wind getrieben Gewitter künden und die ersten Wassertropfen
Sachte nur und zögerlich die Kunde brachten von den Schlünden,
Die sich in Aetherias Weiten zu Hatz und Jagd und Hast bereiten.
Wenige Platten fehlten nur, um das Hausdach zu vollenden.
Er hob den nächsten Schiefer, da fegte eine Bö herab,
Die fast ihn aus der Hand hinab aufs Pflaster ihm gerissen hätte.
Sie rüttelte am ganzen Dach, ließ die Balken einzeln schwingen,
Dass es stöhnte, ächzte, pfiff und anhob im Geheul zu singen:
Theóphanu, Theóphanu!
Welches Erbe ließest du
Wissentlich im Haus zurück,
Das uns weder Ruhm noch Glück,
Aber Ärger wird bescher’n!
Wie soll’n wir alleine wehr’n,
Was uns fernhielt deine Kraft?
Wie die falsche Anwartschaft
Allen Menschen offenbar’n?
Gehörlos sind die hies’gen Schar’n!
Theóphanu, Theóphanu!
Welches Erbe ließest du?!
Rief der Wind – nein – rief das Haus, wie Dante Nägel auf die Platten
Drosch, um’s Dach noch zu vollenden, bevor der Himmel sich in satten
Schauern würd’ ergießen können. Ja, den Büchern wollt er’s gönnen,
Vom Wasser ganz verschont zu bleiben, eh’ die Tropfen Flecken treiben
Aufs Papier, aufs Pergament, das wellig dann im Deckel klemmt.
›Wehret ihn, der’s Feuer bracht!‹
Nicht auf ›Turm‹ ist er bedacht!
Nur das Buch will er für sich!‹,
Stöhnte’s Holz, auf das Dante haut’. »Welches Buch?«, rief Dante laut.
Antwort aber gaben sie nicht, die Stimmen, die der Wind zum Klingen,
Weinen, Wimmern, Singen bracht’. »Welches Buch?! So sagt es mir!«,
Brüllte Dante wütender, während er den nächsten Schiefer
Auf dem Dach befestigte.
»Dante?! Was ist los mit dir?
Sag, mit wem du grade redest?! Nein, pass auf, du rutscht noch ab!
Steh’ nicht auf, denn viel zu glatt ist der feuchte Schiefer schon!
AHHHH, was tust du? Dante! Nein!«. So rief Serra schon vergeblich.
Dante fiel, stürzt’ schwer herab vom hohen Dach und nur durch Glück
Landete weich er auf dem Laub, das klafterhoch den Boden bedeckte.
»Dante! Dante! Geht’s dir gut? Fehlt dir was? Bist du verletzt?«,
Rief Serra völlig aufgelöst, wodurch die harten Züge nun
Ungewöhnlich weich erschienen, wie sie sich so über ihn
Beugte, um herauszufinden, ob er nicht in Ohnmacht war.
»Mir geht’s gut, bin weich gefallen.«, gab zur Antwort, der im Laub
Aufzurichten sich begann. »Dach ist fertig.«, fügte er an.
»Mit wem hast du da oben geredet? Spukt’s etwa bei dir im Kopf?«
Dante horchte auf, weil Serra eben jenen Ausdruck wählte,
Der seit gestern mit Ribbalt im Haus Dantes Denken stetig quälte.
Hatte Serra diese Worte etwa doch mit angehört?
»Ich habe nur mit mir geredet.«, sagte Dante möglichst trocken.
Serra hob die Augenbraue. Sichtlich unzufrieden, was
Dante ihr zur Antwort gab.
»Aber doch nicht diese Frage!
›Welches Buch?‹ ist wirklich nichts, was man zu sich selber spricht,
Wenn die erste Sturmesbö’ auf das Hausdach niederfegt.«
»Ach, mir fiel nur wieder ein, dass unbedingt ein neues Buch
Angefangen werden will. Nur leider weiß ich einfach nicht,
Welches es denn werden soll.«, lächelte er achselzuckend.
Serra schien noch immer nicht besonders überzeugt zu sein.
»Weißt du, vielleicht ist mir ja, die ganze Sonne nicht bekommen.
Den ganzen Tag lang ohne Hut gefangen auf dem Schieferdach
Verhext vielleicht den Geist ein wenig. Aber mir geht’s gut. Nun sehn’ ich
Mich nach einem guten Mahl und nach einem guten Wein.«



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