Ein Gruß zum Sonntag ergeht an diejenigen, die Ausónien weiter kennen lernen wollen. Dachböden können zuweilen recht unheimliche Orte sein und das ist in Ausónien nicht anders als bei uns. Viel Spaß beim Hören und Lesen! Habt ihr auch schon gruselige Dachböden erlebt? Schreibt gerne einen Kommentar!
Malmender Strom der Finsternis, der Übel schluckt und neu gebiert:
Uneinsehbar ist dein Werk und der Zeitpunkt deines Wirkens
Schlechter noch vorherzusagen. Welche Worte, welche Fragen
Peitschen deine Fluten auf, die álsbald alle Dämme brechen,
Linden, Buchen, Eichen, Eschen mit sich reißen, weiter preschen,
Bis zerstört ist, was erbaut, und vernichtet, was geschaffen.
Oder sind die Fluten eher still und leise, unbemerkt?
Aufgeschreckt erwacht man dann, wenn im Bett die Füße nass
Und das Wasser weiter steigt, die Luft zum Atmen sich verdünnt?
Aber wann der Zeitpunkt kam, dass die Schwelle überspült
Längst gewesen, all der Kampf schon längst vergeblich ausgefochten,
Das vermag im Nachhinein niemand wirklich festzustellen.
»Kann ich dir mit etwas helfen?«, fragte Ribbalt sehr beflissen,
Der den ganzen Weg hinauf den Hügel nur gelaufen kam,
Um Dante – unterm Turm gelagert – irgendwie zur Hand zu geh’n.
»Nein, lass gut sein. Ich will ruh’n, um etwas in das Tal zu blicken,
Da ich jetzt noch Freizeit habe, ehe Lochlan mich zur Jagd
Und im Zweikampf bilden will.«, wiegelte ihn Dante ab.
»Ich kann kämpfen und wir können gern gemeinsam hier uns üben,
Ehe du zu Lochlan gehst.«, bot ihm Ribbalt eifrig an.
»Danke, nein. Jetzt will ich nicht. Aber gern geb’ ich Bescheid,
Wenn ich anders mich entschließe.«
»Auch zur Jagd bin ich recht kundig,
Fallen könnten wir jetzt bauen und im Walde sie verteilen!«,
Schlug ungefragt er Neues vor.
»Nein heißt nein! Jetzt lass mich sitzen.
Sicher musst du für das Haus vielerlei und mehr besorgen,
Willst du bald im Warmen sitzen, wenn die Herbstluft Einzug hält.«
Ribbalt blickte trübe drein, als hätte Dante ihn beleidigt,
Und er ging den Hügel hinab, gestützt auf seinen Eibenstab.
Auf der Stelle tat’s ihm Leid, dass er grantig grad gewesen,
Doch der Stolz hielt ihn zurück und der Wunsch in Ruh’ zu lesen.
»Ei, der Ribbalt, der ist fein. Hat mir meine Sau geheilt.
Sicher hätt sie’s nicht geschafft. Aber mit den richt’gen Worten
Konnte er die Seuche wehren!«, jauchzte Oven ganz erfreut,
Als Dante von ihm etwas Fleisch fürs Abendmahl zuhaus’ erstand.
»Aber bauen, das kann er nicht!«, rief Serra, die mit einem Balken
Auf der Schulter an den zwei’n vorbeilief und dort kurz verschnaufte.
»Egal, was in die Hand er nimmt: Nagel, Säge oder Hammer.
Entweder verbiegt er es, macht es stumpf, es bricht der Stiel
Oder er verletzt sich selbst. Ungeschickt ist dieser Knabe!
Nein das ist kein Ausdruck hier. Tollpatsch ist das richt’ge Wort!
Ein Haus wird er sich nie und nimmer vor Beginn des Regens zimmern!«
Sie spuckte aus und fügte an: »Aber er ist wirklich nett.«
Quinn kam grade um die Ecke. Wie sie Serra rasten sah,
Dante an dem Fenster lehnen und Oven Fleisch in Tücher wickeln,
Hielt sie inne, ihr Gemüs’ vom Feld hinein ins Haus zu tragen.
»Geht’s um Ribbalt? So ein Schatz! Das halbe Feld hat er geerntet,
Eh’ ich einen Drittel nur der Rüben rausgezogen hatte!«.
Ihr Lächeln war noch zehnmal breiter als es sonst schon immer war.
Ein Blöken ließ die Köpfe alle zum andren End’ des Platzes schnellen.
Èrin kam mit ihren Schafen von der Weide ins Dorf hinab.
Auf den Schultern ruht’ ein Lamm, das noch immer zitterte.
»Glück gehabt! Fast wär’ das Lamm gar jämmerlich im Spalt verhungert.
Ich allein bekam’s nicht raus, ohne dass ich meinen Blick
Von der Herde wenden müsste. Aber Ribbalt war schon da!
Schneller als ich gucken konnte, stieg er in den Spalt hinab,
Um das Lamm mir rauszuholen. Dass ich so viel sprech’ zugleich,
Muss – beim Demiurgen – wahrlich heißen, dass er’s richtig macht.«
Sie hustete, denn ihre Stimme war das Sprechen nicht gewohnt.
»Häuser aber baut er nicht. Dafür hat er kein Geschick.«,
Sagte Dante, das Fleisch geschultert, um nach Haus zurück zu geh’n.
Die and’ren blieben noch vor Ort, steckten ihre Köpfe zusamm’,
Um Ribbalts Eig’nung zu beraten, denn die Arbeit konnte warten.
»Schön, dass wir gemeinsam schaffen!«, rief ihm Ribbalt zu, wie sie
Mit Serra einen großen Balken aus dem Lager in das Haus
Trugen, um ihn dort zu sägen und ins Dach neu einzupassen.
Es war heiß, ein viel zu später Sommertag, er quälte das Land,
Das eigentlich gewöhnt dran war, zu dieser Zeit das Laub zu färben.
Nicht im Schatten laufen hieß nur schleunigst sein Gesicht verbrennen.
Tücher, um den Kopf geschlagen, schufen Hilfe, wo es nicht
Hüte gab und Stoff und Geld, um sich diese anzuschaffen.
Lochlan geizte damit nicht, Dante bestens auszustatten:
Filzhut, Leinenhemd und Stiefel waren nicht von schlechten Eltern
Und er mühte sich damit, um Dante alles beizubringen,
Was zum Leben nötig war: Zweikampf, Laufen, Kochen, Jagd,
Landeskunde, Sittenlehre.
Aber Dante wollte lieber
Lernen, was ihm Lochlan nicht vermitteln konnte. Ihn besticht
Schriftkunst, Dichtkunst, alte Legenden, Worte wollte er ergründen,
Die Hexen nur vermitteln konnten: Er suchte das Geheimnis der
Sprachen, die verloren waren, und der Menschen, die sie einst
Nutzten lang’ vor seiner Zeit und wahre Wunder damit schufen.
Fort war nun Theóphanu, die ihm all das lehren konnte,
Und er wusste, Ribbalts Namen wollt’ er nicht zum Meister haben.
Ribbalt sollte Dantes Wesen nicht ergründen und nicht lesen,
Was ihn ausmacht und berührt.
Hier in ›Turm‹ kam er nicht weiter.
Dante wusste, er musste geh’n, wenn er anders lernen wollte,
Und verstehen, welch’ Bewenden es mit ihrem Einband hatte,
Den Dante wie kein zweites Buch in seinem Eigentum bewahrte.
Niemand wusst’ bisher davon und Dante war es lieber, dass
Das Rote Buch Geheimnis bliebe. Serras schneidende Stimme vertrieb
Dante aus den Grübeleien: »Legt ihn ab. Sehr gut. Nun zeichnen
Wir die Klinken in das Holz. Das sind die Teile in dem Balken,
Die wir aus der Mitte sägen, um andre Balken reinzulegen.
Ribbalt zeichnet. Dante sägt. So geht es schneller von der Hand.
Ich werde eben mich erleichtern.«, sprach sie und ging schon die Stiege
Vom Dachboden ins Erdgeschoss. Ribbalt und Dante blieben oben
Zwischen den Resten der Bibliothek, um den letzten Balken des Dachs
Auszusägen, einzupassen, um zuletzt die Schieferplatten
Auf den Balken folgen zu lassen. Ribbalt nahm Lineal und Kohle
Zeichnete und zeichnete grade nicht, doch immer krümmer.
»Ist’s dein Ernst? Das kannst du nicht? Mit Linealen grade zeichnen?«
»Jaa, ich weiß, es klang im Buch, das ich mal gelesen hatte,
Leichter als es wirklich ist.«, lachte er und klang ertappt.
»Manchmal hab’ ich das Gefühl, das Haus will nicht erneuert werden.«,
Seufzte er ergeben, streckte seinen Rücken durch und blickte
Suchend sich im Raume zwischen all den kläglichen Resten um,
Von Büchern, die es einst hier gab. »Weiß man, wie’s zum Feuer kam?«,
Fragte Ribbalt leise schreitend und zwischen die Regale gleitend.
»Oven sagte, es wär’ ein Geist, aber niemand hat’s geseh’n.
Niemand also weiß genau, was den Brand hier ausgelöst.«,
Sagte Dante, seinerseits nun zwischen den Regalen streifend,
Die auf der and’ren Seite standen, wo den Einband er entnahm,
Damals kurz nach ihrem Tod, der ungeles’ne Texte brachte.
»Kennt man denn des Geists Gestalt? Oder etwa sein Gesicht?«,
Fragte Ribbalt ihn von drüben.
»Nein, denn Oven sieht nicht gut
Und er war der einzige. Außerdem, du glaubst doch nicht,
Dass ein Geist hier eingedrungen?«
»Ich bin Hexer und mit Geistern
Hatte ich schon oft zu schaffen, wenn die meisten auch nicht glauben,
Dass es Geister wirklich gibt.« Dante lehnte plötzlich müde
Seinen Kopf an das Regal, als er aus dem Holze plötzlich
Eine Stimme zu hören schien: ›Er ist hier! Er sucht es noch!
Nisten will der Parasit im Hause von Theóphanu!‹
Erschrocken reckte Dante sich vom Holz weg und er stieß dabei
Seinen Kopf an dem Regal, das er hinter sich gehabt.
Dante stöhnte. »Stimmt was nicht?«, fragte Ribbalt, der direkt
Am Ende der Regale stand, in deren Gang noch Dante seufzte.
Er hatte ihn nicht kommen hören.
›Er ist hier! Er sucht noch stets!‹
Rief’s Regal, das Holz, der Raum!
»Ist nur heiß. Ich habe kaum
Getrunken heute.«, sagte Dante, dem Ribbalt, wie er vor ihm stand,
Anders wirkte, sehr bedrohlich. Meinten diese Stimmen ihn?
»Siehst verschreckt aus, ja, als ob du Dinge hörst, die nicht real,
Sondern geistig einzig sind. Spukt’s etwa in deinem Kopf?«,
Die Worte machten Dante Schaudern. War’n die Stimmen kein Gespinst
Aus Dantes eig’ner Phantasie? Und wenn ja, was wusste er?
Hörte er dieselben Worte? Das Abendlicht schien irgendwie
Sich von Ribbalt fort zu beugen und ein Schatten breitete
Langsam sich um jenen aus…
»Wer hat das denn angezeichnet?!«,
Rief entrüstet Serra aus, wie die Zeichnung sie erblickte.
Augenblicklich war der Schauder fortgeblasen und verlegen
Kratzt’ er sich am Hinterkopf: »’Tschuldige, ich hab’s vergeigt.«,
Sagte Ribbalt schuldbewusst und schlurfte dann zu Serra zurück,
Um sich noch ein weit’res Mal am Balkenzeichnen zu versuchen.
Dante ging schon und gab vor, dass der Kreislauf ihm zu schaffen
Machte, was nicht völlig falsch, aber auch nicht richtig war.
Wie die Stimmen in ihn drangen, schufen sie ein tiefes Bangen.
Malmender Strom der Finsternis, der Übel schluckt und neu gebiert.
Uneinsehbar ist dein Werk, dein Wirken aber wohl zu spür’n,
Beginnen and’rer Leute Worte an den eig’nen Ängsten zu rühr’n.


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