Sea captain with red hair and blue coat steering ship during storm with glowing magical letters around him

Kapitel 25: Seelenfähre

Die Jagd zu Wasser nimmt, sobald Dante erwacht, ungeahnt drastische Dimensionen an…

Als Dante dann von einer Stimme, die einerseits aus anderen Welten,

And’rerseits direkt ins Ohr zu rufen schien, geweckt dem Traum

Entfuhr und inn’res und äuß’res Auge sich brüderlich zusammentaten,

Als Körper und Geist schlussendlich vereint der Welt erneut gehörten, da

Fühlte er das Schiff mit Schwung und schräger noch als vormals schon

Durch die Wellen pflügen, ächzen mit aller Kraft und allem Geschick,

Sich selbst auch noch das letzte Quäntchen an schneller Fahrt nun abzufordern,

Als ging’s ums Ganze, ums Gewinnen, um das reine Überleben.

Der Blick des Fährmanns am Steuerrad, wie’s Schiff grad über aufgepeitschte

Wolkengraue Wellen mit so schäumend weißen Kämmen jagte,

Sprach ihm Bände: »Wir werden grade eingezwängt von mehreren Seiten.«.

Sagte er nur und Dante blickte in alle Richtungen um sich rum.

Hinter ihnen, schon deutlich näher als am Morgen, als Dante die Treppe

Hinab gestiegen war und schlief, da pflügte das nebelgraue Schiff.

Kleiner als das Fährschiff war’s, der Bug war grade und nicht gebogen,

Doch reicher war’s an Segeln, sie flogen wie Wolken über dem ganzen Schiff

Und rund herum schien’s Wasser den Planken des Schiffes gleich

in Schweigen gehüllt,

Obwohl’s vom selben Wind gepeinigt wie ihre Fähre in ihren Wellen.

Vorne nur lag das Problem! Denn dort, wohin sie segeln wollten,

Hielt ein weit’res Schiff auf sie. Dicker war’s, behäbiger,

Schwere Lasten schien’s zu tragen. Volle Segel, nun quer zum Masten,

Wie’s Dante von der Überfahrt vom Inselreich vor gut zehn Jahren

Schon kannte, trugen’s majestätisch und unbeirrt zu ihnen hin.

            »Die wollen uns nicht einfach winken?«, fragte Dante arg verzagt.

Freudlos lachte der Fährmann auf: »Nein, auch sie sind Diener des Schweigens,

Es zieht sich durch die schwarzen Planken. Eisig nicht, wie hinter uns,

Sondern eher machtbesessen. Ein Schweigen ist’s, das Worte verdammt,

Weil ein Wille so absolut der and’ren Willen ganz erstickt. 

            »Wenn vor und hinter uns die Schiffe, uns einzuklemmen suchen, dann

Können wir doch immer noch nach links zumindest oder irr’ ich?«

            »Leider schon, denn links siehst du die Wellen deutlich höher schlagen,

Weil drunter eine Sandbank lauert und wir sind grade schwer beladen.«

            »Womit denn?«, fragte Dante ihn, der Fährmann überging es aber.

            »Von rechts kommt, wie du richtig sahst, der Wind grad her, wir können also

Dort nur wenig Raum gewinnen, den das schwarze Schiff hingegen,

Weil es mit dem Winde fährt, uns jederzeit leicht nehmen kann.

Wir sitzen also in der Falle.«

                                                »Werden sie uns etwa entern?«

»Womöglich planen sie das, ja. Doch weiß ich, wie wir Raum uns schaffen,

Sodass vor ihren eig’nen Augen wir unbemerkt verschwinden können.

Doch dafür muss ich mich konzentrieren und dir das Steuer überlassen.

Und wicht’ger noch ist Folgendes: Egal, was du jetzt sehen wirst,

Die Nerven darfst du nicht verlieren. Halte nur genau den Kurs

Und wenn das Wetter umschlägt dann von einem Moment zum anderen

Und Nebel alles dicht umhüllt, so lass das Steuer los und lass

Das Schiff den Weg alleine finden. Ich weiß«, hob seine Stimme er,

Als Dante widersprechen wollte, »das klingt unglaublich dumm und einer,

Der nur ein bisschen was von Wasser, Wind und Wellen weiß, der würde

Niemals tun, worum ich dich nun bitte. Doch ganz anders sind

Die Dinge zur See, beginnt Magie in Zeit und Raum mal einzugreifen.

Traust du mir und tust du, was ich sage? Ja? Dann werden wir

Entkommen, verschwinden und überleben. Wenn nicht, dann werden sie uns entern

Und klein sind uns’re Chancen dann.« Dante schluckte schwer und nickte:

»Wohlan, ich tu, was du mich heißt und hoff’, ich werd’ nicht wahnsinnig.«

             »Nach allem, was du schon gesehen, bist du halbwegs vorbereitet.«

Der Fährmann gab das Steuer ihm und zeigte ihm den Kurs, den er

Zu halten hatte und Dante schluckte. Sie fuhren auf die Sandbank zu!

Doch sagte er nichts, er tat, was er auf seinem Schiffe niemals täte.

Das Schiff wurd’ augenblicklich ruhiger, es richtete sich nun merklich auf,

Wie der Wind von weiter hinten wehte und derselbe See

Wirkte nicht so aufgepeitscht, obwohl das Wetter in keiner Weise

Umgeschlagen war. Und leise schritt nach vorn Ruówanú

Und stellte in die Mitte sich. Er rezitierte und augenblicklich

Ergossen sich aus seinen Kleidern neue Schriften, die über das Deck, 

Die Masten und die Segel strömten. Und aus der Luke quollen hervor

Die grünen Schriften des Innenraums, die mit den and’ren sich vermischten.

Fabelhaft war der Schriften Spiel: gewundene Zeilen auf allen Dingen.

Und die Sandbank rückte näher. Die and’ren beiden Schiffe hielten

Mit neuem Kurse auf sie zu, nun fest entschlossen, sie zu stell’n.

Man sah die Segel gierig schwell’n, als freuten sie sich auf die Beute.

Dante schwitzte und musste sich zwingen, sich nur aufs Steuern zu besinnen

Und weder die Häscher hinter sich noch gar die Sandbank geradezu

Die Oberhand gewinnen zu lassen. 

Die Schriften bedeckten das ganze Schiff,

Begannen just in dem Moment zurück zum Schöpfer begierig zu fließen.

Und der verlor, je mehr die Worte zu ihm zurück sich wandten, seine

Form, die Kleider beulten sich mal hier mal da gefährlich aus,

Als ob er drunter kochen würde. Scheußlich war dies Angesicht,

Nicht menschlich schien Ruówanú noch unter seinen Kleidern zu sein.

Dante wandte den Blick zurück, erschrak, denn in den letzten Minuten

Hatte das nebelgraue Schiff nun deutlich aufgeholt und schon

Konnte Dante den Mann erkennen, der ihnen im Schloss begegnet war.

Obwohl das Schiff noch schneller fuhr und Wind auch dort zugegen war

Flatterte seine Robe nicht und seine Augen blickten starr.

Dante blickte zum Fährmann vor. Er hob die Hände, die Finger gekrümmt,

Als würd’ er eine Kugel halten. Über seine Finger eilten

Die Schriftenströme, viel dichter und kleiner, die vorher noch das Schiff bedeckten.

Und rechts von ihnen, turmeshoch, so ragte schon das schwarze Schiff

In den Himmel, versperrte die Sicht mit seinem Schwarz an Willensstärke,

Das Dantes Willenskraft verwehrte und seinen zagen Mut beschwerte.

Er blickte zu Ruówanú, der alle Schriften vom ganzen Schiff

Nun auf den Händen zu sammeln schien und in der Leere zwischen ihnen

Formte sich aus geflossener Schrift ein Licht, das wuchs und gedieh, als Kugel

Die Leere zwischen den Händen füllte, die Fingerkuppen beinah’ schon

Erreichte, nur um dann zu schrumpfen und, was an Masse es verlor,

An Leuchtkraft weiter zu erlangen. Zu einer Murmel schrumpfte ein,

Was zuvor an Schrift das ganze Schiff bedeckte. Ein Sirren erfüllte

Die Luft, ein heller Glockenschlag erklang von anderswo und schließlich

Sprach der Fährmann deutlich vernehmlich diese Worte ins sirrende Licht:

Geheimkunst der Seelenentfaltung: Ruheloser Nebelschrein.

Die Hände schlug er jäh zusammen. Der Lichtpunkt wurde zusammengepresst.

Und aus den Händen entfaltete sich so schnell wie Greifen vom Himmel stürzen,

Wenn Beute am Boden sie reißen werden, ein Surren, Summen, ein Sirren,

ein Rauschen,

Licht und Nebel! Ein Schleier drückte die Welt, in der das Schiff grad pflügte,

Zur Seite und ein neuer Raum entfaltete sich vor Dantes Augen.

Die Schiffe, die sie fast erreichten, und Menschen, die meinten sie gleich zu greifen,

Verschluckte der leuchtende Nebel, dazu die Sandbank und den Stortemelk.

Sie wichen einer neuen Welt, die Dante umgab wie ein seltsamer Traum.

Er ließ das Steuer los und konnte anders nicht als mit offenem Munde

Die Nebel zu bestaunen, zu fragen, in welchen Zaubern sie sich bargen.

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