Kapitel 23: Das nachtblaue Schiff

Diesmal wird es nautisch und ich hoffe, dass ich euch diese Welt auch in Versen verständlich genug näher bringen kann. Schreibt mir gerne in die Kommentare, wenn ihr etwas völlig unverständlich fandet.

Hinter der Flanke des Hügels, die das Ufer zweigeteilt hatte,

Lag verborgen und gut versteckt ein Schiff, wie’s Dante nie zuvor

In seinem Leben gesehen hatte. Seine frühesten Erinnerungen

Begannen auf hölzernen Planken, wie er glitzerndes Wasser im leichten Wind

Friedlich vor sich ausgebreitet und endlos groß und schillernd sah.

Auf Inseln war er, das wusste er, und auf Booten aufgewachsen.

Doch seine Eltern hatten eines Tages alle Sachen gepackt,

Ein größ’res Schiff ward dann bestiegen. Es trug sie nach Ausónien.

Damals war die Reise ein Versprechen an das große Neue,

Das ihn und seine Eltern dort erwarten würde, setzten sie

Den Fuß gemeinsam an den Strand. Was sie taten, verstand er nie.

Sie wollten nur das Beste für ihn, das sagten sie ihm lächelnd noch

Und gaben ihn nach ›Turm‹, sodass er ganz der Landessitten gemäß

Wuchs und gedieh. Er hörte nie, was aus den beiden geworden ist.

›Sie fuhren zur See sehr bald, nachdem sie dich bei uns gelassen hatten.‹,

Hatte Maeven immer gesagt. ›Ich weiß nicht, welche Wege sie

Auf den Meeren, so wegelos, eingeschlagen, wohin sie kamen

Oder ob sie finden konnten, was sie suchten. Sie wollten dir

Das beste geben: Sicherheit, festen Boden und Sorglosigkeit.‹

War’s das beste in ›Turm‹ zu leben, um irgendwann dem zu entflieh’n?

Er wusste’s nicht und das allein wog schwer in seiner wunden Seele.

Er löste von Erinnerungen das inn’re Auge und besah das Schiff:

Es maß so viel, dass der Greifen vier darauf gut hätten lagern können.

Scharf geschnitten war der Bug und wölbt’ sich oben wie ein Schnabel

Aus dem Wasser, dessen Farbe in der Nacht von hölzernen Planken

Kaum zu unterscheiden war. Nachtblau war das ganze Schiff.

Zwei Masten reckten sich empor, ganz leicht nach hinten auch geneigt.

Die Segel waren hinter den Masten und hingen nicht, wie’s Dante gewohnt,

Quer zum Schiff und vor dem Mast. Das ganze Schiff war schlank und rank,

Gemacht die Wellen zu erjagen, jenseits allen Horizonts.

            »Los, an Bord, sie werden nicht sehr lange noch im Schloss verweilen!«,

Rief Ruówanú ihm zu, der schon galant an Bord sprang und

Das erste Segel selber setzte. Dante schwang sich auch hinauf,

Und alles war ihm so vertraut, als hätte er schon tausendmal

Den Fuß auf dieses Schiff gesetzt. Es knarrte unter ihm vernehmlich,

Als wär’ das Schiff, obwohl recht groß, für seinen Körper nicht gemacht.

»Kannst du segeln?«

                                    »Ja, ich kann’s.«

                                                                        »Ausgezeichnet. Setz’ schon mal

Die Fock und halt sie back, damit der Bug vom Land sich dreht. Ich werde

Die Leinen lösen in der Zeit.«

                                                »Bin schon dabei.«, so Dante und machte

Sich am Segel dann zu schaffen, das vorne zwar, das vorderste nicht

In dem ganzen Schiffe war, denn vor dem Bug an rundem Baume 

Lagen noch zwei eingepackt in einem Netz und harrten noch

Des Windes, der sie füllen sollte. Er setzte die Fock mit kräftigen Armen.

Es war, als wär’ zuhause er in frühsten Jahren seines Lebens.

Die Fock, sie füllte sich mit Wind. Das Schiff, es drehte weg vom Land

Und wie der Bug aufs weite Blau des Stortemelks gerichtet war

Ließ Dante’s Segel auf die richtige Seite, wo der Wind es haben wollte.

Als er sich nach hinten drehte, waren die beiden großen Segel

Bereits gesetzt. Kein Schnaufen, kein Knarren, kein Flattern hatte er vernommen.

Lautlos wie von Geisterhand, so hatte wohl Ruówanú

Den Kraftakt ganz allein vollbracht. Das Schiff nahm Fahrt auf, wurde schneller,

Zum Wind der Atmosphäre kam der Fahrtwind eilends nun hinzu.

            »Sind wir sicher auf dem Wasser?«, fragte Dante Ruówanú,

Der hinterm Steuer stand wie einer, der schon sein halbes Leben auf

Schiffen verbrachte und wusste, was er tat und tut zu jeder Zeit.

            »Sind wir nicht, so fürchte ich!«, rief er, deutete dann nach rechts,

Von wo ein weit’res Schiff sich ihrem zu nähern suchte mit aller Kraft.

            »Sie haben auch ein Schiff dabei?!«, fragte Dante ganz entgeistert.

            »Sieht so auch. Ich bin nicht minder überrascht, als du es bist,

Denn Fähren gibt es wenige und sonst nur Fischer, doch dieses Schiff

Ist mir fremd, sie haben’s wohl vor Kurzem erst zu Wasser gelassen.

Der Form nach ist’s ein schneller Segler.«

                                                                       »Sind wir sicher, dass es wirklich

Jene sind, die im Schlosse waren?«

                                                           »Zweifelsohne, das drohende Schweigen

Durchzieht die Planken, ich kann es sehen, als ob sie drin getränkt gar wären.«

            »Apropos, du sagtest ›sehen‹. Was sah ich in dem Trümmersaal?

Flüsse aus Schrift, mit denen du die Malereien zum Sprechen brachtest?

Sie haben sich aus dir ergossen!«

                                                           »Was du sahst, war Zauberei.«

Die Erklärung war so hilfreich, als würd’ er einen Drachen beschreiben,

Sodass ein Bild dieses mythischen Wesens bei allen, die lauschten,

im Geiste erscheint,

Und einer davon würde sagen: Du hast da einen Drachen geseh’n.

            »Niemals wär’ ich drauf gekommen.«, bemerkte er ganz tonlos gar.

Darauf lacht’ der Fährmann schallend, doch klang’s nicht länger

menschlich, sondern

Aus einem and’ren Reiche stammend, wo Stimmen nicht nur Stimmen waren,

Sondern Träger von einer Macht, die schwerlich nur zu fassen war.

Es schauderte Dante am Rücken und es schüttelte ihn am ganzen Körper.

            »Pass auf, ich kann dir heute nicht erklären, was du wissen willst,

Nämlich wie im Einzelnen ein Zauber in das Werk sich setzt.

Doch habe ich mit fließender Schrift meine Gedanken, wie die Jagd wohl ist,

Oder eher, wie sie klingt, in Malerei nur transferiert und 

Allen meine Vorstellung lebendig nur vermitteln woll’n.

Es war nichts Großes, doch es reichte, das Schweigen von uns abzulenken.

Denn ihnen muss man Worte und Lebendigkeit entgegensetzen.

Niemals darf man genau so schweigen, wie sie’s befehl’n, denn somit schlagen

Sie dich gleich in ihren Bann.«

                                                            »Darum haben wir geredet,

Als wir durch das Schloss grad rannten, obwohl sie uns so finden könnten?«

»Ganz genau. Wir mussten zugleich uns ihren Bannen widersetzen,

Verhindern aber, dass sie uns entdecken, denn es wäre gänzlich

Ungewiss, wer in dem Kampfe, die Oberhand behalten würde.«

»Also floh’n wir.«

                                    »So ist’s recht.«

                                                                       »Und was nun wollten sie im Schloss?«

»Die Macht, die dort in Ketten liegt.«

                                                            »Und weshalb folgen sie uns dann?«

»Ich bin nicht sicher, was sie wissen. Also kann ich’s auch nicht sagen.«

»So sag mir doch, was du denn weißt!«, so sagte Dante aufgeregt.

»Hast du denn die Banne vergessen? Wenn ich dir sage, was ich weiß,

Bist mit Nebeln du geschlagen und unbrauchbar auf dieser Fahrt.

Deine Hilfe könnte ich jedoch noch gut gebrauchen, drum

Muss das warten, bis die Banne von dir gehen und das kann ich

Leisten nicht. Das können nur die Nymphen in Wortánna, also

Segeln wir so schnell wie möglich. Nun sei mir bitte so gefällig

Und setz’ die beiden Segel vorne. Das nebelgraue Schiff, das uns

Verfolgt, beginnt schon aufzuholen.« Dante tat, wie ihm geheißen.

Ganz gleich, dass er das letzte Mal mit sieben Jahr’n auf Planken stand:

Das Segelhandwerk hatte er im Kindesalter aufgesogen,

Doch dass es ihm in all den Jahren fehlte nicht, das Distelmeer

Genauso gut, der Wolkendorn vielleicht viel mehr ihn freute noch,

Schien ihm grad ein Widerspruch, wo er sich leicht und unbefangen

Auf dem blauen Schiff bewegte, als wär’ kein Tag vergangen, dass

Den Fuß er auf das Festland setzte.

                                                           Doch als die Segel standen und

Das Schiff sich unter Windes Kraft noch schräger in die Wellen legte,

Merkte er mit einem Mal, wie müde er tatsächlich war.

Allmählich sank die Mondesscheibe hintern Horizont im Süden,

An dem die ersten Bergesgipfel sich gegen die Nacht zu heben begannen.

Im Osten kündet’ ein heller Streifen den nahen Sonnenaufgang an.

            »Soll ich steuern, damit du etwas ruhen kannst?«, bot Dante an.

Ruówanú, der lachte wieder. »Du bist, der hier ruhen sollte.

Und was essen, das findest du die Treppe hinab in einigen Kisten.«

Er wies ihm eine Luke an, die in des Schiffes Mitte lag und

Scheinbar aufzuschieben war. »Dort gibt’s auch eine Hängematte.

Leg’ dich hin, ich wecke dich, falls Hilfe ich gebrauchen könnte.

Noch ist groß genug der Raum, der zwischen uns und ihnen liegt.

Sollt’ Aetherja weiter hauchen, steht es gut, dass wir entkommen.« 

Dante war zu müde, um dem Fährmann noch zu widersprechen.

Er fragte sich zwar, ob er jemals Schlaf in seinem Leben brauchte:

Sein Problem nur war das nicht. Er schob darum die Luke auf

Und stieg mit müden Gliedern dann die steile Stiege ins Schiff hinab.

Lampen mit Öl getränktem Docht erhellten den Raum von vorne bis hinten.

In der Mitte stand ein Tisch, zwei Bänke standen drum herum,

Ein funktionaler Herd zur Linken und ein Becken bildeten

Die Kombüse. Vorne waren Kisten und Fässer gestapelt, gestaut,

Mit Seilen vor dem Rutschen geschützt, lag das Schiff so schräg wie jetzt.

Hinten stand ein weit’rer Tisch, belegt mit einer Wasserkarte.

Hinter der Treppe hing ziemlich direkt die Hängematte, sein Ruhelager.

Im Gegensatz zur Werkstatt war das ganze Schiff in bester Ordnung

Und wirkte nicht im Mindesten nur ungepflegt, ja gar verwaist.

Und doch war Dante, als wär’ das Schiff noch anders, als es sich hier bot:

Leichter, als es sein sollte, und größer als es nach außen maß.

Nicht nur Wasser schien der Bug mit Messers Schärfe zweizuteilen,

Sondern auch noch anderes, das unsichtbar, doch veränderbar

Vom Schiff geformt ward, wie es fuhr. Als würd’ es seinen eigenen See

Und eigene Wellen um sich haben, die jene nicht des Stortemelks waren.

Da fiel ihm auf, dass die Wände und Balken über und über beschrieben waren

Mit Lettern, die beim Versuch zu lesen verschwammen, ja kaum wahrnehmbar

Zu leuchten schienen im Licht der Lampen. Doch rieb sich Dante die

brennenden Augen,

Verschwand, was er zu sehen glaubte. Er seufzte. Er war wirklich müde.

So stöberte in den Kisten er, solange bis er etwas Obst und

Etwas Trockenfleisch dort fand. Er legt’ sich in die Hängematte,

Aß sein Mahl, von allem erschlagen, was bisher ihm widerfahren,

Und schaukelnd sank in Träume er, die Nebel nur und Rätsel bargen.

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