Kapitel 19: Ruówanú

Nach jedem Sturz braucht’s einen sicheren Hafen und Dante hatte Glück und ist geborgen worden von jemandem, der etwas Seltsames an sich hat.

Als Dante erwachte, war es Nacht. Ob immer noch, ob schon erneut,

Unmöglich war’s ihm, das zu sagen, denn als die Sinne sämtlich streikten,

Wurde traumlos er geschlagen und schlief gar ohne Raum und Zeit.

Er lag in einem Bett in einem Verschlag, nur dürftig aufgezimmert

Aus Brettern, die mehr schlecht als recht zusammen gefügt zu löchrigen Wänden

Nur wenig Schutz vor Kälte und Wind und Witterung und Wettern boten.

Er stützte sich auf die Ellenbogen und merkte, dass die Körperkraft

Verschwunden war, als ob die Muskeln vergessen hatten, wer sie waren.

Mühsam richtete er sich auf und suchte etwas zu erkennen:

Der Raum war grad’ so groß, dass er die Pritsche fasste, einen Schemel.

Daneben lagen seine Sachen, gewaschen, getrocknet, geordnet, gefaltet.

Sein Buch lag obendrauf und machte keine Versuche, wegzulaufen.

Er selbst war in ein langes Hemd aus groben Leinen gekleidet worden.

Anstelle der Tür verhing ein Vorhang, zerfleddert, zerfranst, doch

schlecht durchdringbar,

Den Raum, den er dahinter barg. Er bauschte sich und eine Hand

Schob beiseite ihn, enthüllte Bahnen von gelegtem Stoff,

Die den Körper eines Mannes so reich umwanden, dass das Aug’

Weder seine konkrete Gestalt noch Anfang noch Ende seines Kleids

Erfassen konnte. Er schien auch nicht zu laufen, denn, obwohl er kam,

Ganz gewiss bewegte sich, so war an ihm kein Gang zu sehen,

Kein wiegender Schritt, verlagert’ Gewicht, kein Changieren seiner Höhe.

Er führte eine Kerze mit, die sein gesund gefärbtes Gesicht,

Den roten Bart entflammen ließ. In seinen dunklen Augen hieß

Ein Schalk den Mund zum leichten Spott verziehen sich, nicht böser Wille.

Es war vielmehr der Schalk, der Schutz sich selbst gebot, weil einst die Welt

Ihn viel zu sehr enttäuschte und das Jammertal, in dem er fleuchte,

Mit Spott so gottlos erträglicher und’s Leben weniger kläglich war.

»Auch schon wach?«, so fragte er zwinkernd, wie er eine duftende Schüssel

Mit der freien Hand aus dem gebeugten Arm entnahm und Dante

Ungefragt dem Bauch aufsetzte. »Iss davon, denn sicherlich

Musst du hungrig sein nach dreien ganzen Tagen voller Schlaf.«

Die Schüssel nahm Dante in die Hand, so wie er auf sich setzte. Fisch

In Suppe schlug ihm in die Nase. Sein liebstes Essen war das nicht,

Doch grade war es ihm egal, denn dass sein Körper Nahrung brauchte,

Machte er sogleich ihm klar. Er schlürfte dankbar den ersten Schluck,

Bis ihm einfiel, dass er nichts zu seinem Wirt gesagt, getan

Oder auch erkenntlich sich in einer Weise nur gezeigt.

Die Schüssel setzt’ er peinlich berührt in seinen Schoß und sah dann auf.

Der Mann setzt’ auf den Schemel sich. Bis auf die Hände und sein Gesicht

War keine Haut zu sehen noch nur auszumachen, was er trug.

War’s ein Mantel, ein Talar, ein stoffreicher Rock in faltiger Hose?

Doch mehr als das beschäftigte Dante etwas, das er nicht fassen konnte.

Unruhe war’s, die er verströmte, obwohl er völlig still dort saß.

Vielleicht war es der Ernst im Blick, der zu den lachenden Falten nicht

So richtig passen wollte oder es war das flammende Rot der Haare.

Oder aber, dass seine Gestalt der Kerzenflamme zu gleichen schien.

Nicht der Form nach, doch im Wesen. Egal wie ruhig sie immer brannte,

Manchmal muss die Kerzenflamme flackern und sich ihre Gestalt

Neu erschaffen, um weiter zu brennen. Und genauso schien auch er,

Egal wie still er im Schemel saß, zu flackern als Ganzes so wie die Flamme,

Die er in seinen Händen hielt.

                                                »Ich danke dir. Du hast wohl mich

Aufgelesen, wo immer ich lag, mich hierher gebracht und sorgst

Mit Essen für mich. Ich danke dir. Dante bin ich. Und wer bist du?«

            »Nicht der Rede Wert, nur schlecht kann ich ein Häufchen Elend am Weg

Unbekümmert liegen lassen, wenn die Pfade mich dahin führ’n.

Und ei, das war ein Sturm, der tobte, in dem du wie von Sinnen schliefst.

Ruówanú, so nennt man mich. Fährmann bin ich am Stortemelk.«

            »Stortemelk, ja hier nun bin ich? Drei Tage, sagst du, schlief ich schon?«

            »Ja, so ist’s.«

                                   »Dann muss ich mich beeilen, denn der Weg ist weit!«

            »Gemach, du isst jetzt erstmal auf und schläfst dann wieder. Deine Glieder

Sind so viel und schnell gelaufen und dein Geist war völlig erschlagen.

Die Weiterreise solltest du wagen, wenn bei alten Kräften du

Körperlich und geistig bist.«

                                                »Mein Geist kriegt das schon hin.«

                                                                                                          »Ach ja?

Dann sag’, woran erinnerst du dich, bevor die Ohnmacht dich erschlug?«,

Fragte ihn Ruówanú schon beinah’ lauernd aus schmalen Augen.

            »Ich lief durch eine stürmische Nacht…Theóphanu, der lief ich nach…

Nein, ich stand in einem Laden, verkaufte etwas Pergament,

Als draußen Wasserleichen grinsten, mit Nägeln an den Scheiben kratzten…

Nein…vorm Turm in ›Turm‹ da standen fünf verschwieg’ne Gestalten, als

Eine Hexe in Grün mich bat, am schweigenden Feuer Platz zu nehmen.«

Der Fährmann legte schief sein Haupt und sagte nichts, doch Dante verstand.

Er aß die Suppe, bis wieder sein Geist den Rand des Wachens überschritt

Und ungesehen ins Traumreich glitt, verirrt in den eigenen wüsten Hallen,

Die verrückt, verschoben, vermauert, verkehrt das Chaos bargen. Verwehrt

Pochte die Ordnung verloren an Pforten zerstörender Erinnerung.

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