Kapitel 18: Schweigen im Sturm

Das Wetter wird nur noch schlimmer und Dante spricht, wo er schweigen sollte, zu jenen, die schweigen und nicht sprechen.

Kaskaden kalter Tropfen fielen kübelweise auf kantige Krusten

Vernarbter Erde. Verwegene Winde wuschen verfangene Äste hinfort

Aus laubbehangenen Kronen, ließen die Blätter nicht länger am Wifpel verweil’n.

Dunkelheit zog durchdringend und dimmend über das Laubdach

verblassender Farben.

Weh! Ein Wand’rer schon innerlich darbend vagabundierte verloren im Sturme

Ohne Schutz und Schirm und Schatten vor schreienden Böen

und fauchenden Himmeln.

Ein Blitz zerriss die Dunkelheit, zerschnitt ihr gar durchdringendes Kleid,

Ließ gewahren vom Hügel hinab gar endlose Fluten zu Füßen von Bergen.

Wär’ Dante in jenem Augenblick seiner Umwelt bewusster gewesen

Statt innerlich gar verängstigt und welk. Er hätte gesehen: Der Stortemelk

Erstreckte sich auf seinem Pfade. Ein gewaltiger See, des’ Farbe

Windgepeitsch und aufgewühlt das Dunkel des Himmels von sich streifte

Und schäumend weiß wie wallende Milch nun an die eigenen Ufer drückte.

Doch Dantes Weitblick war verschleiert und blind war er für vieles gar.

Doch da! Ein Licht in Sturmesnacht! Es hielt sich tapfer im Gebrause

Unten am Ufer des Sees, es brannte unbeirrbar fort und Dante

Lief drauf zu noch ganz in Trance, nicht Herr noch Meister seiner Sinne.

Er kam an einen Lagerplatz, in dessen Mitte ein Feuer flammte.

Auf Klötzen drum herum, dort saßen vier Gestalten in Kutten gehüllt.

Hätte nun Dante nur aufgemerkt, er hätte das Schweigen der Flammen vernommen,

Das unbeirrbar seinen Kreis ganz um das Lager gezogen hatte.

Es war, als ob hier Raum und Zeit gar anders wirkten als außerhalb.

Denn, wenngleich der Lagerplatz durch nichts und gar nicht abgeschirmt

Vom Tosen und Fauchen des Sturmes war, so herrschte doch Stille, wo jene saßen.

Und das Feuer, es bog sich nicht, doch kerzengrade stieg es auf,

Als ob kein Windhauch daran griff, als ob kein Sturm ums Lager wär’.

Und ohne ein Wort des Grußes gar, wie selbstverständlich nahm er Platz

Auf einem Klotz, der unbesetzt und ganz verwaist im schweigenden Kreise

Eines Sitzenden friedlich harrte. Die vier Gestalten tauschten leise

Blicke aus, die Überraschung, Verwunderung und Vorsicht maßen.

Und Dante noch stets in Trance sah die Flammen, die schweigenden und innerlich

Betrat er einen neuen Raum, in dem an einem Waldesrand 

Theóphanu mit einer Fackel ihm erschien. Auch sie umwehte

Sturmeswind, doch das Fackellicht, es schwieg und beugte im Wind sich nicht.

Sie zog grad aus, ein Lamm zu suchen, das im Wald verloren schrie.

Und mehr zu sich, doch sehr vernehmlich, grad für die schweigenden Männer dort

Sagte Dante: »So ein Licht sah einst Theóphanu ich tragen.«

Die Männer nun kniffen beim Namen die bohrenden Augen zusamm’.

Sie kannten ihn.

»Sie war die erste von fünfen, die in diesem Jahr ich sterben sah.«,

Sprach er weiter im Geiste verwaist und ungeachtet der schweigenden Hörer.

      »Du sahst sie sterben?«, fragte einer, dessen Kutte verwaschen schwarz

Und dessen Kiefer kantig war. 

»Ja, ich sah den Satzbaum fallen,

Als Schatten sich dahinter regten.« Die Blicke wurden sagender,

Die einander sie zu sich warfen.

                                                      »Wie viele Schatten regten sich

Hinterm Baume, als er fiel?« 

»Ich weiß es nicht genau, doch vier

Schienen’s mir gewesen zu sein.«

Die Stimme, die gesprochen hatte,

Sagte nichts mehr, doch das Schweigen drohte mehr als tausend Worte.

Die vier erhoben sich nun leise, während Dante ins Feuer starrte

Und keiner ihrer Gesten gewahrte. Sie umringten ihn und hoben

Ihre Hände in die Stille. Finster waren Wort und Wille

Gerieb’nes Eisen ihre Stimme, vier zu einer zusammengepfercht.

Doch der Zauber, den sie woben, er kam auf Dante nicht herab.

Wolfsgeheul zerschlug die Nacht, ein tierisches Grollen vom Donner getragen!

Den Schleier der Stille zerriss es, herab aus tosendem Wüten und Fauchen, herab

Vom zürnenden Himmel schossen Schwingen. Ein Raubtierblick, der Dante schon

In ›Turm‹ von oben beobachtet hat, er jagte den Willen der Kutten hinfort.

Sie stoben in Panik von dannen. Der Ort, der schwieg so lange am Feuer sie saßen,

Brüllte nun auf und das Fauchen und Tosen drang so heftig in Dantes Gedanken,

Dass die Sinne, die’s Außen gewahrten, den Dienst quittierten und Schwärze schob

Sich schwer über Dante und drückte zu Boden, der jeglicher Handlungsmacht

enthoben.

Stille erneut, doch ohne Zauber und ohne Willen im Sturm erkauft.

2 Antworten zu „Kapitel 18: Schweigen im Sturm“

  1. Avatar von Valeria Politino
    Valeria Politino

    Oh Dante, wie ahnungslos 😂😂😂

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    1. Ja, ist halt noch ein Grünschnabel ;)

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