Kapitel 16: Der Himmel Ausoniens

Es bleibt bei einer ergriffenen Stimmung und ich muss etwas schambehaftet behaupten, dass ich große Freude daran hatte, meine eigene Dichtung zu lesen und zu hören. Ich hoffe, dass es euch auch gefällt, sonst muss ich mir wohl Sorgen um mein Urteilsvermögen machen^^

Was ist schön, was ist erhaben? Woran wollen wir uns laben?

Was spendet Trost, sobald wir es erspähen, riechen und erblicken?

Was versehrt uns, wenn wir es erst einmal in uns aufgenommen?

Was lässt uns nie mehr los, wenn es am Herzensgrunde uns berührte?

Dante wusste, er würde nie, niemals diesen einen Moment

Vergessen können, in dem die Mythen, die erzählt ihm worden sind,

Lebendig, lebensecht, beständig, unanfechtbar vor ihm standen.

Seine Augen strahlten grau so wie der Himmel weit an Tagen,

Wenn des Winters frost’ger Griff auch bald das Wasser in der Luft

Zum Erstarren brachte und die Wolken eisbeladen harrten

An Ort und Stelle in den Hügeln. Durchmessen konnten’s Eis nur Flügel

Wie die seinen, jung und stark, besetzt mit Federn goldig braun,

Die im Licht der Sonne flammten, durchstießen sie die Wolkendecke

Und schweiften dort in himmlischen Höhen, die nach oben unbegrenzt

Und endlos frei und luftig waren. Ach, dass manche Körpergaben

Zwischen allen Kreaturen so ungleich doch verteilt waren,

Dass, die am Boden haften müssen, alle jenen neiden müssen,

Die Bewohner beider Reiche, der Erde und des Himmels waren.

Sein Schnabel blitzte golden wie ein Dorn der Sonne, scharf und schneidend.

Seine Fänge, gelbgeschuppt, glichen majestätisch sich,

Dem Boden an, auf dem sie standen. Gefiedert gingen die vord’ren Läufe 

Über in einen felligen Leib und endeten im Löwenschweif.

›Hüte vor den Greifen dich. Denn wenn du einen dann erblickst –

Schienen Sældra und Knafrák in seinem Geiste nun zu sagen –

Erstarrst in Ehrfurcht du vor ihrer Majestät und ihrer Macht.

Des Himmels und des ›wilden Herzens‹ beschwingte und bewehrte Wächter,

Selbst wenn sie nicht töten und reißen, wenn du ihr Revier betrittst,

Werden sie in dir die Sehnsucht nach des Himmels Flug erwecken

Und lassen dich nach Höhen recken, die kein Mensch erreichen soll.

Hüte vor den Greifen dich. In ihnen nämlich verlierst du dich.‹

Unwillkürlich hatte Dante, ohne zu wissen, welche Macht

Dazu ihn verleitet hatte, einen Schritt nach vorn gemacht

An den Rand des Teiches, der jetzt zwischen ihnen beiden lag.

Der Greif kniff seine Augen zusammen und gab dann einen Laut von sich,

Der zur Hälfte Warnruf war und zur Hälfte bedrohliches Knurren.

Dante erstarrte und hob den Fuß, der grade den Schritt nach vorn gemacht,

Sachte an, um langsam ihn und kontrolliert zurückzusetzen.

Der Greif dann öffnete seine Flügel zur Hälfte ganz so wie ein Schwan,

Auf sich plustert, um den and’ren aufzuzeigen, dass sie ihn 

Nicht reizen sollten. Dante lief am Rücken kalt der Schweiß hinab.

Er machte einen weit’ren Schritt zurück und vor der Greif dafür.

Wenn Dante stillstand, stand der Greif, doch seine Pose änderte

Der Greif drum nicht und Dante beschloss vom Weiher weiter wegzutreten.

Schritt um Schritt wich Dante zurück und Schritt um Schritt in gleicher Distanz

Folgte der Greif, bis er dort stand, wo Dante einen Augenblick

Ausónien verlassen hatte. Er faltete seine Flügel ein,

Er senkte sein Haupt und rührte sanft mit seinem Schnabel jene Blume,

Die Dante blind zertreten hatte, als unwillkürlich voran er ging.

Eine Träne wie feuriger Tau, sie löste von seinen Augen sich

Und leuchtend fiel sie auf die Blume, die geknickt am Boden lag

Und weil sie daraus Kraft gewann, so wie des Greifens Tränentrau

Sie benetzte, erstarkte sie und kraftvoll strahlend wie zuvor

Erhob sie sich, die Feuerblume, unter ihren Brüdern und Schwestern

Und einig schlossen sie die Reihen um das tiefe Schwarz des Teichs.

Der Greif erhob sein Haupt und blickte Dante lang und länger an.

Die Flügel, brauner Federn voll, sie schmiegten sich an den Löwenleib.

Kein Drohen ging von ihm noch aus. Es schien vielmehr, er wolle sich

Vergewissern, dass Dante verstand, worauf er hätte achten sollen.

Dante nickte erst und dann, um Reue und Verständnis zu zeigen,

Ging er auf die Knie und warf den Oberkörper auf den Boden.

Er buckelte nicht vor diesem Greif, er tat es auch nicht aus der Angst,

Als Beute sein Leben zu verlier‘n. Er huldigte ehrlich und ergeben

Einer Würde, einer Macht, deren Magie und Existenz

Ihn Ehrfurcht lehrte von den Zehen bis zu den Spitzen seiner Haare,

Von den Sprossen auf seiner Haut bis in das tiefste Mark der Knochen.

Bis auf die Augen Theóphanus hatte Dante in seinem Leben

Noch nie so etwas Schönes gesehen wie diesen Greifen, der Tränen geben

Wollte, um eine einzige Blüte an Weihers Rand neu aufzurichten.

Wie diese Wesen im Himmel wachten, am Boden gleichfalls heil machten,

Was and’re erst zerstörten, dann, dann konnte Dante sich keinen Ort

Denken, der behüteter war als Ausóniens ›wildes Herz‹.

Ein warmer Atem an seinem Nacken und ein Stupsen an seinem Hals

Lösten Dante vom Boden. Sein ehrfurchtsvoller Blick traf auf

Himmelsgraue Augen, die verständnisvoll ihm blinzelten.

An ihm vorbei ging das edle Wesen tiefer in den Wald hinein

Und immer weiter den Hang herab. Und Dante folgte ihm wie im Traum

Und wie viel Zeit dabei verstrich, das konnt’ er selbst im Schreiben nicht

Ermessen mehr so surreal und wunderschön war es gewesen,

Vom Greifen dort geführt zu werden, um zu erblicken, was Menschenaugen

Selten nur erblicken durften, seit Ausónien geschaffen ward

Und unterschiedlichste Mächte dort bald schalteten und walteten.

Zwischen den Bäumen an einem Hang fiel jäh und steil der Boden ab,

Um hundert Klafter oder mehr wie steingeword’nder Wasserfall

Zu stürzen in ein weites Tal: rund, wie schon der Weiher oben,

Unerreichbar, wenn man nicht mit Flügeln stark gesegnet ist.

Aus dem Kessel erhoben sich, manch einzelne Felsen wie Nadeln spitz,

Auf denen Horste sichtbar waren. Und über dem Tal dort flogen sie,

Die anderen Greifen in Kreisen gemächlich unter dem herbstlichen Sonnenlicht.

Am Boden des Kessels sammelte sich ein See und drum herum, dort stand

Ein Wald, doch nicht aus Bäumen nur, aber mindestens ebenso viel

Aus Pilzen gar wie Bäume groß. Manche rund und dick, die nächsten

Schlank mit einem gewellten Hut und manche grade wie Säulen, die

Den Felsen nachzueifern schienen, die über allem sich erhoben.

Dante wusste damals nicht, dass er nicht nur der Greifen Hort,

Sondern einen Ort erblickte, an dem Magie noch stark pulsierte

Und Zauber von entsetzlicher Macht entfaltet wurden, nicht einmal

Ein Jahr zuvor und dass die Greifen etwas hüten, dass das Land

Ganz betrifft und wichtig ist. Auch ohne dieses Wissen jedoch

Wusste Dante tief in sich, dass dieses ein Geheimnis war,

Das behütet werden musste, wie Greifen gar ihr Augenlicht.

Eines der Wesen löste sich nun aus dem Kreisen im Sonnenlicht und

Schwang hinab genau dorthin, wo Dante mit dem Greifen stand.

Wie der’s bemerkte, drängte er Dante in den Schatten, er barg

Ihn zusätzlich mit seinem Flügel, sodass der andere Greif ihn nicht

Aus der Luft erspähen konnte. Seine Größe und seine Pracht,

Sein glattes Gefieder und glänzendes Fell, ließen Dante erkennen, dass

Sein Freund im Wachsen begriffen war, sein Gefieder geplustert und plump

Manche Bewegung gewesen ist, die Dante dennoch ergriffen hat.

Der ausgewachsene Greif, er hielt sich in der Luft nun vor der Kante,

An der Dante gestanden hatte und machte dem jungen Greifen klar,

Dass er ihm folgen sollte gleich. Dieser schob Dante soweit zurück,

Dass hinter Stämmen er unsichtbar und dem and’ren verborgen war.

Dann nahm er Anlauf und sprang in die Lüfte, entglitt mit samt dem großen Greif’

Dantes Blick und heimlich stahl sich dieser den Hang hinauf zurück

Zum Bach, wo er seine Stiefel und Sachen in einer völlig anderen Zeit

Als anderer Mensch an anderem Ort so unbedarft verlassen hatte.

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