Kapitel 13: Gaben und Geräusche

Ein frohes Neues an alle, die Dante auf dem Weg nach Théudisk folgen! Diesmal ist es ein recht langes Kapitel geworden. Aber ich glaube, es lohnt sich, es am Stück zu lesen oder zu hören. Viel Spaß!

Übrigens: Die Bilder sind momentan alle mit KI generiert, aber es wird der Tag kommen, an dem ich einen Malwettbewerb ausschreiben will, dessen Gewinnerin oder Gewinner für – so hoffe ich – einige folgende Kapitel ein Beitragsbild zeichnen darf. Also falls ihr Lust drauf habt oder jemanden kennt, der/die auf sowas Lust haben könnte: Spitzt schon mal eure Bleistifte!

Vieles gab es zu bedenken, so vieles hätt’ er noch gefragt,

Wäre ihm noch Zeit geblieben. Sældra aber drängte ihn,

Am Folgetag schon aufzubrechen, denn Thé-udisk – nun wusste er’s –

Lag im Süden in den Bergen und wollt’ er nicht zerstückelt in Särgen,

Sondern unzerschellt den Weg zum Schloss hinauf noch pünktlich finden,

Musste Dante fast schon fliegen, so schnell ihn seine Beine ließen.

Im Winter war’n die Pässe nicht begehbar nämlich, denn der Blizzard

Herrscht gewaltig zwischen den Gipfeln, lässt der Herbst ab von den Wipfeln

Aller Bäume, die ihr Kleid erst rötlich, golden, braun dann färben.

       »Wähle weise, welchen Trank als Gabe du nun mit dir führst.«,

Hatte sie zu ihm gesagt, bevor es Zeit zum Abschied war.

›Schnelle Beine‹, ›Leiser Schatten‹, ›Fremde Worte‹. Die Tränke hatten

Sprechende oder poetische Namen, sodass ihr Nutzen äußerst leicht,

Die konkrete Wirkung aber für Dante schwer zu schätzen war.

»Dein Herz muss seine Wahl nun treffen, wo’s Verstand zu wenig gibt.«,

Hatte sie auf den Versuch, die Wirkungsweise zu erfahren,

Gesprochen und dann ihre Lippen fest und fester nur verschlossen.

›Fremde Worte‹ führt’ er drum, von nun in seinem Packen mit.

Das schien ihm mit dem roten Buche angeraten und vernünftig.

Schnelle Beine hatte er, auch wenn noch viele Meilen zwischen

Ihm und diesem Schloss dort lagen in den Polternden Bergen, die

Nach Norden an den Stortemelk, wohl einen großen See angrenzten.

Den Weg nach Thé-udisk, den wiesen Karten nur bedingt, denn zwar

Stand das Schloss am selben Fleck für hundert oder tausend Jahr,

Doch der Wald in diesen Bergen – Wortánna ward er einst getauft –

War wechselhaft und selten führten dieselben Wege zum selben Ort.

Die Verse, die im roten Buch zu Anfang standen, konnten ihm

– So wusste er – den Weg dort weisen, wo es scheinbar keinen gab.

Blieben nur die vielen Gefahren, die auf dem Wege lauerten.

Bär’n und Wölfe waren da das kleinste Problem auf seiner Reise.

Sie waren scheu und mieden den Menschen und hatten jetzt noch keinen Grund,

In seiner Nähe jagen zu gehen, solange Wald und Feld genug

Zu bieten hatten im goldenen Herbst. Es waren eher Warnungen,

Die Dante schlecht verorten konnte, weil sie nie und nimmer wörtlich,

Dem Worte nach, gemeint sein konnten. 

                                                                       »Hüte vor den Greifen dich,

Sieh’ dem Drachen ins Gesicht und meide jene, die nur schweigen.«

Was zum Demiurgen-Hammer soll er bitte daraus schließen?

Hüte vor dem Greifen dich? Das hat sie sicher nicht gesagt.

Greifen hat’s angeblich einst in grauer Vorzeit hier gegeben,

Doch waren sie in Dantes Leben als Nachricht, als Gerede nicht

Jemals in den Norden gedrungen. Drachen. Klar. Wieso auch nicht?

Das konnte nur Metapher sein, für einen Schrecken, einen Feind,

Den es zu bestehen galt. Die Augen durft’ er nicht verschließen,

Schien ihm dieser Rat zu sagen. Vielleicht jedoch, vielleicht, so wäre

›Leiser Schatten‹ doch die gute, wirklich rechte Wahl gewesen,

So wäre er an jedem Drachen, jeden Greifen ungesehen

Vorbei geschlichen, egal wofür sie stehen sollten in dieser Welt.

Er fragte sich, ob sie ihn nicht mit all dem übern Tisch gezogen,

Der Wert der Tränke und Informationen mit gespaltener Zunge erlogen,

Betrogen er und der ›Abrogans‹ lächerlich verschachert war,

Zumal das Geld, was sie ihm gab, er kurz darauf schon lassen musste.

Der Mantel sollte – der sollt’ wirklich mit magischen Worten gewoben sein?

Dafür sorgen, dass man dem, was ungehört doch stimmlos nicht,

Resonanz verschaffen kann, um Zauber entsetzlicher Macht zu wirken?

Den hat er im Wasser gefunden? Für wen ist er bestimmt gewesen?

Warúm ist er denn grau geworden, als bibbernd er ihn überzog?

Sie hat darauf gelächelt nur: Er würde, wenn die Zeit erst reif

Sehen, wissen und erkennen. 

Finster starrte er, während steif

Die Stange behäbig ins Wasser gestoßen wieder und wieder das hölzerne Floß

In der Strömung hielt und Dante schneller, als er laufen konnte

Gen Süden brachte, zumindest ein Stück, bevor der Fluss nach Osten verschwand.

Teuer hatte er bezahlt für die Passage zwischen den Tränken.

Eine Kiste hatte der Flößer an seiner statt zurückgelassen.

Und den Verlust ihm wettzumachen, damit er schnell nach Süden kam,

War die einzige Hoffnung gewesen, den mürrischen Mann zu überreden.

Nun saß er selber mürrisch am Bug und schaute dem Wasser beim Strömen zu.

Zwar liebte er das Wasser sehr und Fahrten drauf genoss er stets,

Jedoch nicht, wenn’s teuer war und Eile ihn trieb und innere Hast

Ihn lieber auf Wegen rennen ließ, selbst wenn er dann nicht schneller war,

Als wenn er schneller auf einem Floß träge auf dem Wasser glitt.

Richtig fühlt’ es sich nicht an. Und mürrisch flößte Dante der Mann.

»Die Zeit ist reif, hier trennen sich der Fluss und die Straße, der Steg ist nicht

Zerfallen, wie der Rest des Ortes. Die Flößer halten ihn instand,

Um zu rasten dann und wann, wenn Regen im Norden gefehlt hat und so

Die Strömung nur schwach und der Weg dann beschwerlich. Doch drängt mich

die Zeit und im Winter gefährlich

Ist es, zu reisen und Midstadt, so herrlich, bietet mir Heimat und Schutz

und so wär’ ich

Dumm in den Hügeln verlassen zu rasten, wo Gedenken verloren noch lasten

Von Völkern und Menschen, die einst hier gelebt. Verzeih’ mir darum,

wenn es mir widerstrebt,

Weiter Gesellschaft zu leisten und da der Schauder mich findet,

erblick’ ich die Mauern,

Will ich zumindest den Trank dir noch geben, der fehlenden Mut

dir zurückgibt und Leben

In schreckensstarre Glieder flößt. Nun sei so gut, dass die Leine du löst,

Die das Floß noch hält. Hab Dank. Nun lauf, so lange das Laub noch fällt,

Dass du diese Wildnis im Herzen des Landes hinter dir lässt und Gefilde erreichst,

Die zivilisiert und nicht verwaist und lebensfroh und wärmend sind!«

So rief ihm der Flößer, der in diesen Minuten so viel hat gesprochen, wie Tage zuvor

Sie miteinander geschwiegen hatten.

Dante stand auf dem Steg und die Latten

Bezeugten die Wahrheit: Sie waren neu, die Mauern der Häuser stattdessen

nun waren

Eingefallen, vom Wind zerfurcht, von Zeit gezeichnet und Gewalt.

Beherrscht war’n die Reste der einstigen Stätte von türmenden Steinen,

geschichtet bizarr

Zu etwas, das ein Bauwerk war – oder auch nicht, denn keinen Sinn

Schien dieser Turm zu machen so krumm und schief gestapelt, eingeschlitzt

Mit langen und schmalen Fenstern. Gewitzt verschoben sie sich mit breiten Simsen

Zu gähnenden Lücken und klaffendem Grinsen. Ein Turm voller Löcher, die Flöte

des Windes.

Das ›Wilde Herz‹, wie man diese Gegend zu nennen pflegte seit Langem schon

War Dante auch in Erzählungen fremd. Zerfurcht war die Landschaft, von

Felsen gesäumt,

Karg war der Boden und weithin verstreut erspäht man Ruinen. Versuche

von Menschen

Fuß zu fassen, das ›Herz‹ zu bezähmen, um den Weg auch gen Süden zu nehmen

Ohne Gefahr und mit gastlicher Bleibe. Doch rückte Natur hier dem Menschen

zu Leibe.

Die Ernte war mager, die Bäche nur schmächtig und Felsen rollten des Öft’ren

bedächtig

Von links nach rechts und wieder zurück, zermalmten das Haus, das gebaute,

und Glück

Brauchte es, dass es im Schlaf nicht geschah. Manche Legenden erzählten, man sah

Trolle dem Menschen das Leben beschweren. Verborgen erst, aber dann häufiger

wehren

Die Trolle die Landnahme offen, gewaltig. Ach, dass dem Menschen der Schrecken

gestaltig

In spukenden Formen noch immer ereilt. Sie bewohnen die Fantasie nach-haltig,

Verklären das menschliche Scheitern.

                                                            Und doch: Dante fühlte sich nicht behaglich.

Dass jemand hier noch lebte, war fraglich zwischen den Mauern erniedrigter Häuser,

Die Efeu berankte und Gras überwuchert. Aus klaffenden Dächern erhoben sich

Bäume.

Hölzerne Riesen bewohnten die Räume und wiegten die Kronen im streichenden

Wind.

Die Blätter säuseln, die Stämme knarren, es bröckelten Steine und leises Scharren

Kroch aus den Winkeln, die blind Dante blieben. Sein Schritt hallte laut in

verlassener Stätte,

Obwohl der Boden nur staubig und stumm zur Sonne glotzte. Ihm war auch als hätte

Ein Fels zur Linken ein Knacken, ein sprödes, verlauten lassen. Es kullerten Kiesel

Vom Hang herab. Ein mattes Schleifen erklang da hinten. Im suchenden Schweifen

Konnte er dennoch nichts seh’n und erblicken. Ein Pochen, ein Poltern, ein Zischen,

ein Klicken.

Die ganze Siedlung, sie machte Geräusche. Dante beschleunigte weiter den Schritt.

Was immer hier an Erinnerungen seit Menschengedenken verloren hauste:

Es regt’ sich beständig, unbändig und wendig bahnt es sich den Weg hinaus

In Lauten so zahlreich und vielfach verschieden, im Knirschen und Knarren,

Im Wispern und Winseln, im Säuseln und Sickern, im Rumpeln und Rascheln.

Ein Klopfen, ein Knistern, ein Ziehen am Gürtel. Er schreckt, sieht nach unten:

Das Buch! Es bewegt sich! Es blättert sich auf! Die Seiten verformen sich, wölben

sich aus!

Er öffnet den Gürtel und zieht ihn heraus, das Buch jedoch schwebt nun, es wächst

und ein Βauch

Und Arme und Beine papierener Farbe, der Buchrücken Rücken, die Deckel

zu Schultern,

Der Kopf nur Kapuze aus Leder an dem, das Buch am Gürtel gebaumelt hat.

Da läuft es, das Buch Theóphanus, die verlassenen Gassen den Hügel hinauf. 

Hintendrein Dante, er will es nicht lassen, das hastende fassen, das hastende Buch.

Was war das ein Alptraum? Die Gabe ein Fluch?! Was hatte die Hexe ihm

nur vererbt?!

Das Buch rannt’ zum Turm, der windigen Flöte, raschelte, pfiff und es knackte

und flößte

Dem Gebäude die Kakophonie knarzender, klickender, reibender Laute

Mutwillig ein, dass er schon resonierte –

                                                                       »Áaaaaa-éeeee-ío-iúu!

Tinte zu Seite und Buch zu Rücken! Beutel zu Gürtel, kein Knistern, kein Klicken!

Nur der Wind bespielt den Turm!« Gesprochen die Bücherlauf brechenden Worte 

Mit steinerner Stimme und felsigem Willen, alle Geräusche der Stätte zu stillen.

Friedlich lag das Buch, das lief, im Angesicht von Stein und Granit.

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2 Antworten zu „Kapitel 13: Gaben und Geräusche“

  1. Avatar von Valeria Politino
    Valeria Politino

    es wird immer spannender !

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    1. Ich muss zugeben, auf dieses Kapitel bin ich besonders stolz. Ich finde es klanglich recht gelungen :)

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