Hallo zusammen und willkommen zum vorletzten Kapitel in diesem Jahr. Ich hoffe, ihr hattet bisher Spaß beim Lesen und/oder Hören und wünsche euch frohe Weihnachten, eine besinnliche Zeit bei Familie und Freunden und besonders Freude beim Abspalten und Ausspannen. Ich bin mir sicher, ihr alle habt in diesem Jahr Großes geleistet und wenn es sich nicht so anfühlen sollte, müsst ihr euch das noch mal bewusst machen. Man hat immer das Recht, sich eine Pause zu gönnen und als jemand, der sich damit selbst schwer tut, weiß ich, wovon ich rede. :) Und nun gibt es nochmal ein paar Minuten in Ausonien, bevor das Fest beginnt.
Dante mag kein großer Jäger sein, aber in der Wildnis weiß er sich scheinbar besser zu helfen als in der Stadt, wo nur der Tausch das legitime Mittel ist, seiner Bedürfnisse Befriedigung zu erreichen. Ein Glück, dass er Sældra trifft, die der städtischen Ökonomie Güte entgegenzusetzen im Stande ist…
Verloren stand Dante auf der Straße. Ihn plagte Hunger und die Gedärme
Zogen sich zu einem Knäuel schmerzhaft eng und enger stets
Zusammen, bis sie wie ein Klumpen in der Körpermitte lagen.
Der Duft der Tränke und der Speisen, der lockend durch die Straßen zog,
Machte ihn noch hungriger und die Verzweiflung stetiger.
Er wusste nicht, woher er Essen oder einen Schlafplatz kriegte.
Schweiß begann auf seiner Stirn jedwede Furche zu durchnässen
Und seine Schläfen zu durchmessen, ein Schwindel packte ihn, als sanft
Von hinten ihn ein Finger auf die Schulter tippt und Dante sich
Drehte und erstaunt vor sich die Hexe aus dem Laden sah.
Lockiges und schwarzes Haar umrahmt’ ein gütiges Gesicht,
Dunklem Waldeshonig glich ihr Teint und manches Muttermahl
Zierte ihre schlanken Wangen, gemacht, die Sanftmut einzufangen.
»Du siehst mir aus, als könntest du, ’nen Happen Essen gut vertragen.
Folge mir, ich lad’ dich ein. Mein Name lautet Sældra und
Mit wem hab’ ich die Ehre hier?«
»Dante.«, sagte er verdutzt.
Und eh’ er weitere Gedanken für ein Gespräch hätt’ fassen können,
Zog sie ihn schon durch die Gassen. Sein Glück, sein Pech, er konnt’s nicht fassen.
»Nimm ein Bad im Zuber. Kleider liegen frisch daneben schon.
Und wenn du fertig bist, dann lauf, den Gang entlang, dann durchs Foyer
Und geradezu nur durch die Tür, da wartet Essen.«, sagte sie
Und schob ihn schon ins Bad und ließ ihn eilends dort allein zurück.
Von außen hatte das Gebäude ziemlich klein gewirkt und nun
War das Badezimmer fast schon halb so groß wie Lochlans Halle.
Der Zuber stand auf einem Sockel, unter dem ein Feuer brannte.
Dante jauchzte, denn er kannte die Gabe eines warmen Bads
Nur zu seinem Ehrentag. Denn Lochlan legte Wert darauf,
Dass Dante draußen wenig fror. Er hoffte ihn so stetig vor
Der Unbill kalter Wintertage und läng’rer Jagden zu beschirmen.
Dante zog sich aus und stieg die Leiter rauf zum Badezuber.
Wohlig warm war’s Wasser, wie den Blick umher er schweifen ließ.
Der Raum war hoch, viel höher als die kleine Tür versprochen hatte.
Ein Tonn’gewölbe war die Decke und zur Rechten lief es aus
In hohe Fenster, deren Sims erst da begann, wo jeder Scheitel
Endete, sodass man in das Bad nicht hätte gucken können.
Die Fenster war’n bemalt, sodass das Licht des späten Nachmittags
Verschieden in den Raum geworfen wurde, je nachdem, durch welches
Glas er sich entschied zu seh’n. Links erblickte Dante eine
Grüne Wiese unter Bäumen, auf der ein Schmied gerußten Barts
Ehrfurchtsvoll den Hammer bot der Dame, die mit weißen Flügeln
Zu ihm schwebt’, ihr Atem traf den Hammer und den Schmied zugleich.
Rechts daneben ein Gebirge, Riesen aus Eis, die ins Tal
Gelaufen kamen, es erfroren, alles in dem Glas war weiß.
Weiter rechts vermummte Gestalten, vier an der Zahl und unter Sternen.
Sie reckten ihre Ohr’n in Fernen, die vom Eis sich schon befreiten.
Das letzte Fenster war sehr dunkel, schemenhaft konnt’ man erkennen,
Wie Schatten sich zusammenballten, doch trüb und finster blieb es ganz.
Was erzählten diese Fenster? Er wusst’ es nicht und nahm sich vor,
Sældra gleich danach zu fragen. So stieg er aus dem Wasser, denn
Auch der Hunger meldete sich aus klumpgewordenem Gedärm.
Das Haus war groß, viel größer gar, als man von außen ahnen würde.
Dass Dante hier im Flur nur war, setzte hoch und höher die Hürde
Für alles, was noch kommen sollte. Der Flur war nicht nur funktional,
Hoch war er, getäfelt mit Holz, das reich mit Schnitzwerk war verseh’n.
Dunkelgrün war seine Decke, schummrig drang das Licht daneben
Aus Kerzenhaltern in der Wand. So ruhig brannte jede Flamme,
Dass das Licht genauso gut gemalt könnt sein mit leuchtenden Farben.
Länger als erwartet schritt er zwischen Schnitzereien durch,
Die Szenen zeigten des täglichen Lebens, um die man so viel Aufhebens
Wahrlich nicht erwartet hätte. Hier ein Tausch und hier ein Mahl,
Zwischen Weiden die rechte Wahl von winkenden Pilzen für den Trank,
Eine Gruppe geselliger Gerber, die lachten und winkten. Darüber ein Sperber,
Der vom Baum nach unten spähte. Schön war’s, aber wie’s auch wehte
Heut von hier und morgen von dort, schien beliebig, was der Ort
An Motiven mit sich brachte.
Wie Dante die nächsten Schritte machte,
Staunte er, denn das Foyer, das war, wenn man’s genauer nahm,
Eine kleine Halle für sich und durch ein Kuppeldach fiel Licht
Als breiter Strahl auf eine Platte: kantig, eckig, aus Granit,
Die nach all der Schnitzerei nicht eine kleine Gravur aufwies.
Bedeutungslose Bilder rahmten bedeutungsvolles, blankes Nichts.
Quadratisch war der Raum, umgeben von einer hölzernen Empore,
Zu der nur keine Treppen führten. Doch fehlende Türen da oben schürten
Den Eindruck, dass, was hier drin fehlte, bedeutend war für diesen Raum.
Ein stechender Schmerz in seinem Bauch holte ihn aus seinem Traum
Der Andacht, den er hier durchwachte. Er lief zur andr’ren Tür und raffte
Seiner Schritte Tempo, um das Speisezimmer zu erreichen,
Sonst würde der Hunger einzig noch einer droh’nden Ohnmacht weichen.
Endlich konnt’ er, endlich! durft’ er zu Tisch die warme Kürbissuppe,
Kürbissuppe! dankbar löffeln, mit deftig Brot die Schüssel wischen,
Mit zartem Käse hintendrein, der förmlich auf der Zunge schmolz,
Den Magen schließen. Fabelhaft. Er war zufrieden, sauber und satt.
»Ausgezeichnet, ich nehme an, dass du bei Kräften bist und nun
Bereit bist, für den Dienst, den meine Gastfreundschaft dir heut’ erwies,
Dich angemessen erkenntlich zu zeigen. Und besser wär’s, du würdest schweigen
Darüber, was in diesem Haus du sahst und was du hören wirst…
…Würde ich wohl zu dir sagen, wenn ich nicht im Vorhinein
Belegt dich hätt’ mit einem Bann, der es dir unmöglich macht,
Zu beschreiben, was dein Auge oder gar dein Ohr vernimmt.
Ich muss mich möglichst minuziös vor loser Zungen Zeche schirmen,
Sei es, dass Geschwätzigkeit, Gehässigkeit, Gerissenheit
Flegeln, Furcht und Folterei nur Worte dir entlocken sollten.«
Dante schluckte schwer und innen zerbrach etwas. Zufriedenheit,
Mit dem, was ihm gegeben wurde – sie wurde schal und einst befreit
Saß er still vor ihr und bang rann ein Tropfen von der Schläfe.
Ein Bann – das wusst’ er – war viel schlimmer als jeder Trank,
Denn er währte lebenslänglich, absolut und vollumfänglich.
Trankeswirkung, die verblasste wie Farben bald im Dämmerlicht.



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