Kapitel 6: Ovens Zeichen

Manchmal kommt das Unglück im gestreckten Galopp und eh man dessen gewahrt, hat es einen schon überrannt. So geht es auch Dante, der unter Ovens Zeichen leider keine gute Figur macht.

Wölfe fand man nicht, doch Schafe, die sich schrecklich ängstigten.

Derer gab es viele nachts. Es wäre, sie zusamm’ zu treiben,

Leicht gewesen, hätte nicht zugleich sich ein Gewittersturm

Über ›Turm‹ so stark ergossen, dass das Tal und auch der Turm

Völlig drin versanken. Ja, zwei Klafter weit zu sehen war

Fast unmöglich schon gewesen und die Kleider trieften gar.

Dantes Schwindel war sehr schnell verflogen, wie die and’ren gingen.

Er wollte lieber raus und helfen, Maeven aber hielt ihn ab.

Nach drei Stunden waren alle pitschnass und mit schlimmster Laune

Zurückgekehrt und wärmten sich am Feuer, das Maeven im Kamin

Zuvor entfacht, gefüttert hatte, um den müden Leibern Trost

Zu spenden, die die ganze Herde mühsam eingefangen hatten.

Isla, Lochlans rechte Hand in allem, was mit Jagd und Waffen,

Schutz und Schirm zu tun nur hatte, seufzte mit gestreckten Stiefeln

Am Kamin und dachte laut: »Seltsam ist das alles doch.

Erst fällt Dante uns vom Dach und später fliehen alle Schafe

Panisch vor dem Wolfsgeheule aus dem Stall, nur Wölfe nicht

Finden wir im ganzen Tal, mal von Spuren ganz zu schweigen.«

Aus ›Mitstadt‹ war sie grade gekommen, einen Händler dort zu treffen,

Der sie mit sehr gutem Stahl für ein neues Schwert versorgte.

Selten nämlich kamen Händler weit hinauf nach ›Turm‹ gelaufen,

Wenn sie beinah’ alle Waren vorher auf dem Weg verkauften.

›Mitstadt‹ war die nächste große Stadt, wenn’s Hochland steil fiel

Und vom Tiefland abgelöst den flachen Boden für Äcker entblößt.

            »Meine Rede. Dabei hallt’ es wie der Donner durch die Luft!«,

Stimmte Serra lauthals zu. 

»Fast, als ob es draußen spukt.«,

Sagte Isla mehr zu sich, doch es reichte. Das Gewicht

Aller Gedanken richtete sich wiederum auf Dantes Sturz.

»Ovens Worte waren wahrlich etwas wirr, das geb’ ich zu,«,

Sagte Ribbalt vorsichtig, was ihm einen strengen Blick

Kostete vom alten Mann. »Dennoch liegt daran auch Weisheit,

Denn Oven hatte von allen im Leben offenbar die meiste Zeit,

Zu erfahren, wie das Schicksal unaufhaltsam läuft. Zur Qual

Wird es vielen, die ein Stern großen Peches zeichnet. Fern

Von aller Menschen Macht ereilen Schläge uns und Ahnungen.

Töricht wär’n wir, Mahnungen, das Flüstern von Aetheria,

Ungehört vergeh’n zu lassen. Zeichen haben wir empfangen,

Rätsel sind uns aufgegeben. Doch fügen wir die Zeichen nur

Aneinander, dann ist eben, was uns vorher holprig schien.

Ich frage drum: Wer hat am Pferch zuletzt sich aufgehalten und

Hätte unbewusst den Schrecken den Tieren infizieren können?«,

Fragte Ribbalt und schon waren alle Blicke zu Dante gewandt.

Érin schlug die ledrigen Hände ganz entgeistert vors Gesicht:

»Dante, hast du heute morgen, deinen Missmut meinen Tieren

Eingeimpft?! Das muss es sein!« Dieser schaute überfragt

Èrin an und wusste nicht, was er darauf sagen sollte.

            »Ich war beim Pferch und hab’ den Schafen ein paar Äpfel mitgebracht.

Davon werden die nicht toll. Töricht, wenn du mich für schiltst.«

            »Wahrlich, Äpfel reichen nicht, um die Tiere wild zu machen.

Worte braucht es, starke Worte, die Zauberkraft entfalten können.«,

Pflichtete ihm Ribbalt bei, doch Dante wurde dabei bleich.

             »Ah!«, schrie Érin aufgebracht. »Ja, die gab’s, ich hab’s gehört:

Lichtlos ist der Sonne Blick,

Ergraut des Himmels weites Blau.

Sturmwind, Regen, Wolkenstrick,

Donnern. Und der Wölfe Bau

Leert sich, wenn du uns verlässt!

Glaubt mir, das hat er gesagt! Er hat sein Unglück meinen Schafen

Eingeimpft. Nun ist’s erbracht!«, ereiferte sich Èrin weiter.

Nun war Ribbalt auch besorgt: »Dante, das hast du gesagt?

Kennst du nicht der Worte Macht?«, fragte er ihn äußerst ernst.

»Müsste er. Theóphanu hat ihn etwas doch gelehrt.«,

Sagte Oven, dessen Stimme trotzig war, von Grimm erfüllt.

            »Glaubt ihr wirklich, Dante könnte, Schafe mit der Worte Macht

Verschrecken, wie’s sonst Hexer tun?«, fragte Isla, sehr erstaunt,

Wie ekstatisch diese beiden sich auf den Gedanken stürzten,

Dante hätte wissentlich die Schafe ›Turms‹ so wild gemacht.

            »Einig sind wir uns da alle,«, griff der Hexer nun zum Wort,

»Dass Dante nimmer wissentlich Schaden stiftet hier in ›Turm‹.«

Er machte eine kleine Pause, dass der Satz etwas Gewicht,

Doch mehr erhielt, was folgen sollte. »Allerdings scheint es sehr klar,

Dass Dantes Wirken momentan unter schlechtem Einfluss steht.«

            »Willst du damit etwa sagen,«, schaltete sich Maeven ein,

»Dass er Schuld an all dem trägt? Er ist ein Junge, der tagein,

Tagaus sein Bestes tut, uns allen gut zur Hand zu geh’n, zu helfen!

Immerhin hat er dein Dach gedeckt, damit du trocken schlafen

Und die Bücher hüten kannst!« Sie war indessen aufgesprungen,

Um sich schützend hinter Dante aufzustellen, ihre Hände

Seinen Schultern aufgelegt.

»Schuld ist ein sehr starkes Wort,

Das ich nie gebrauchen würde, denn Dante kann für all das nichts.«,

Verteidigte sich Ribbalt nun und hob dabei beschwichtigend

Seine Hände. Quinn jedoch hatte währenddessen sich

Besonnen, wie die Worte Dantes deutbar wären, die am Pferch

Gefallen waren am selbigen Morgen, unbedacht und doch beschwert:

»Sturmwind, Regen, Wolkenstrick, Donnern und der Wölfe Bau…

Bestreiten, Maeven, kannst du nicht, dass das alles sehr gut passt.

Alles, was er dort gesagt, ist heute Abend eingetreten!«

»Aber Wölfe gab es nicht!«, rief nun Isla mit Gewicht

Ihrer Stimme der rechten Hand des Schirmers, Lochlans. »Das ist schlicht

Humbug, Zufall, Poesie. Aber Schicksal nicht, da bin ich

Sicher. Anders lassen sich die Dinge hier in ›Turm‹ erklären!«

»Was ist mit dem Wolfsgeheul, das im Sturm wir heut vernahmen?!«,

Fragte Quinn erbost zurück. »Wo denn, bitte, kam das her?!«

            »Schluss jetzt!«, donnerte Lochlan nun, das Wortgefecht der andr’en Leid.

»Das führt zu nichts! Das ist euch klar! Dante trifft hier keine Schuld!

Wer oder was am Werk hier war, vermag von uns zu sagen keiner!

Wir sind müd’ und aufgewühlt. Die Schafe wieder einzufangen,

War beschwerlich und gefährlich. Ab ins Bett nun und nach Haus’!

Ruh’ braucht Dante und ich sie auch. Wir werden in den nächsten Tagen

Zusammenkommen und beraten und den Pferch noch besser warten.

Gute Nacht und nun hinaus! Keinen Streit in meinem Haus!«

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