Kapitel 2: Der neue Hexer

Und hier folgt das zweite Kapitel. Gerüchte bilden sich schnell und Spekulationen sowieso. Und die, die wirklich Bescheid wissen könnten, werden in aller Regel nicht gehört. Zugegeben, wer hier Bescheid weiß, dem ist in unserer Welt auch schwerlich zuzuhören. Aber sei es drum: Wann habt ihr euch das letzt Mal nicht gehört gefühlt, als ihr etwas Entscheidendes wusstet? Schreibt gerne das (oder anderes, was euch auffällt) in die Kommentare. Gerne übrigens dürft ihr mein Epos Freund:innen weiterempfehlen!

Geteilt war’n die Meinungen, was den Brand verursacht hat.

Oven will, so sagte man, einen Geist gesehen haben.

Beige soll er gewesen sein, wie er kurz, nachdem es rauchte,

Aus dem Haus geflohen sei. And’re meinten eher, dass

Serra, Zimmermeisterin, nachlässig gewesen ist,

Als das Dach sie besserte. Aber das war eher Quatsch,

Denn sie passte Balken ein und spielte mit dem Feuer nicht.

Wieder and’re fanden, dass Theóphanu sich einen Streich

Erlaubte – auch nach ihrem Tod –, um das Dorf aus seinem Schlaf

Aufzuschrecken, dann und wann. Aber das war größ’rer Quatsch.

Alle, die Theóphanu wenigstens im Ansatz kannten,

Wussten, dass sie gerne mal vor den Menschen floh. Allein

Schaden wollt’ sie ihnen nie. Dafür war sie viel zu sanft

Gewesen, solchen Scherz zu treiben. Möglich war auch, dass ein Mensch

Aus ›Kuppe‹ es gewesen war. Der Nachbarort drei Täler weiter

Hatte jetzt seit langem schon keine Hexe mehr im Dorf.

Schon seit immer haben sie, wenn auch ›Turm‹ zur Auswahl stand,

Lieber dort den Sitz gewählt. Brauchte ›Kuppe‹ eine Hexe,

Mussten sie in ›Turm‹ erst fragen. Möglich, dass sie dies’ Verhältnis

Umzukehren willens war’n, indem das Haus in Brand sie steckten,

Um die nächste Hexe dann in ›Kuppe‹ in die Pflicht zu nehm’.

Aber das war größter Quatsch, da es offensichtlich wär’.

Hier im Norden konnten es die Gemeinden sich nicht leisten,

Allein den Winter durchzusteh’n. Feindschaft, wenn das Jahr schon kippt

Und die Hexe meist in ›Turm‹, aber nicht in ›Kuppe‹ wohnte,

Wäre reinster Wahnwitz nur.

Nein, die Fenster wussten es:

Jemand Fremdes war gekommen und hatte etwas aktiviert,

Was ihn hätt’ verderben soll’n. Aber was die Fenster riefen,

Wusste bist auf Dante keiner. Und selbst Dante nahm es nicht

Ernst genug. Er wusste nicht – damals noch zumindest nicht –,

Dass Dinge eine Stimme hatten und dass Menschen lernen konnten

Sie zu hören, anzureden und geschrieben auszulegen.

Also wusste niemand was Genaues übern Brand zu sagen.

Sicher aber ist gewesen, dass das Haus zu reparieren,

Vorrang wohl vor allem hatte, damit es bis zum Winter dann

Bewohnbar war für jene Hexe, die die Prüfung gut bestand.

Wie des Hexentodes Kunde zu den and’ren Hexen drang

Ohne Boten, ohne Klage, ohne dass sie jemand rief

Und suchte in Ausonien: Niemand wusst’s. In ›Turm‹ schon gar nicht.

Doch es kam – der Herbst begann bereits den Ahorn einzufärben –

In der Tat ein neuer Hexer aus dem Süden hier hinauf.

Männer waren später erst der Kunst der Hexen nachgefolgt.

Bindung braucht’ es zu sich selbst und den Dingen in der Welt,

Die die Männer seltener spürten als die Hexen meist.

Sie verloren sich viel schneller in den Weiten von Raum und Zeit,

Wodurch das Wort an Kraft verlor, weil es nicht von Herzen kam,

Sondern weit, von viel zu weit hergeholt als Surrogat

Dafür diente, was verloren nah bei sich im Herzen schlief.

Einige aber hatten sich diese Kunst zu eigen gemacht

Und genau wie Hexen auch durch’s Wort es zu Magie gebracht.

»Weit von Süden kam ich her, als mir kund ward, dass es hier

Eines Hexers nun bedarf, der euch all’n mit Wort und Tat

Beisteht, wie der Winter naht und die Winde sich erheben,

Um aus den Kronen das Laub zu fegen. Erlaubt mir, dass ich dergestalt

Zu euch komm’, mich vorzustellen: Ich bin Ribbalt und ich möchte

Hexer werden hier in ›Turm‹. Sagt mir an: Was soll ich tun,

Um von mir zu überzeugen? Welche Prüfung nennt ihr mir,

Die ich zu bestehen habe? Gern beweis’ ich meine Gabe.«

Auf dem Dorfplatz neben dem Bach hatte ›Turm‹ sich schon versammelt,

Als die Kunde, dass ein Fremder hier hinaufgekommen wäre,

Flugs im Dorf die Runde machte und alle schnell zusammenbrachte.

Er war jung. Vermutlich war’s die erste Wand’rung, die er machte,

Die ihn suchend nach einem Platze in Ausóniens Norden brachte.

Spärlich spross ihm noch sein Bart, schmächtig fast war’n seine Schultern.

Dafür aber in seinem Blick: Dort lag Wissen und Geschick,

Das von guter Lehre zeugte. Er war nett, doch etwas störte

Dante an dem Hexer, wenn’s zu fassen auch nicht wirklich war.

»Sei willkommen hier in ›Turm‹. Niemals wagten wir zu hoffen,

Schon so bald den ersten Hexer hoch im Norden zu begrüßen.«

Lochlan war’s, der Ritter von ›Turm‹, der Dante, seit er sieben war,

Unter seinen Schirm genommen, ihn zu bilden und aufs Leben

Einzuschwören, das ihn bald ereilte, würd’ er seinerseits

Sich auf Wanderschaft begeben. Er fuhr fort in seiner Rede:

»Was zu tun ist, war beraten schon vor ein’gen Tagen dir:

Tragischerweise verloren wir nicht zu früh nur uns’re Hexe,

Sondern auch die Bibliothek geriet in Brand. Das Haus seitdem

Ist noch nicht erneuert worden. Hilf beim Bau uns! Lerne kennen

Alle in dem Dorfe hier. Wenn du nett und findig bist,

Fleißig, strebsam, talentiert, ist dein Platz dir gar gewiss.«

Ribbalt war damit zufrieden und zeigte sich so einverstanden,

Indem er jener Tradition folgte, die seit langem schon

Praktiziert ward in dem Land, das Götter erst und Hexen dann

Mit Magie gesegnet hatten: Jedes Dorf besaß am Rand

Des Platzes eine Statue, aus ganz besond’rem Holz geschnitzt.

Sie zeigte etwas stilisiert mit Stab und Mantel eine Hexe,

– Manchmal trug sie einen Besen –, die den Mantel mit einer Hand

Aufschlug, um darin zu bergen, die der Hexen Schutz bedürfen.

Alt, uralt war diese Geste und sagte mehr als tausend Worte.

Hexen, die ein Dorf erwählten, sich dort häuslich anzusiedeln,

Nahmen es symbolisch noch unter ihres Mantels Schutz,

Dadurch dass sie feierlich den Mantel um die Büste warfen.

Vorher aber, wie die Prüfung der Eignung noch nicht abgeschlossen,

War es Sitte, dass die Hexe ihren Hut vom Haupte nahm

Und ihn auf die Büste setzte. Und was vorher stilisiert,

Erhielt Charakter und Gesicht, sodass die Büste aus dem Holz

Der sich bewerbenden Hexe glich. Ribbalt hielt es anders nicht,

Fest entschlossen schnell ganz ›Turm‹ von und für sich einzunehm’.

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