Teil 1: In ›Turm‹; Kapitel 1: Brand

Hallo allerseits, hier ist das erste Kapitel mit Aufnahme! Ich hoffe, es gefällt euch und versüßt euch die lästigen Alltagspflichten wie Abwaschen oder Wäsche aufhängen. Die Arbeit am Sounddesign ist für mich noch ganz neu, wie auch das Mikro dafür von Freitag ist. Habt also Geduld und gebt mir gerne Tips, was ich an den Aufnahmen verbessern kann. Und nun viel Spaß beim Hören und/oder Lesen.

Bist du jemals dort gewesen?

Dort im Schlosse Thé-udisk?

Weithin sichtbar für dein Auge

Bleibt es ihm doch stets verborgen.

Fern von aller Welten Treiben,

Wird stets es deren Zentrum bleiben.

Sei gewarnt!

Findest du den Weg hinein,

Wird’s hinaus unmöglich sein.

Trittst du untern Toresbogen,

So dann bist du gewiss verloren,

Bist du jemals dort gewesen,

Dort im Schlosse Thé-udisk.

Hundertfach hatte er gelesen,  die wenigen Zeilen im weinroten Buch.

Das war gewiss kein Meisterwerk, obschon es doch recht gut gelungen,

Wie aus den Fragen zu Beginn Folgen wurden so unabdinglich,

Wenn man einmal dahin kam, dort ins Schloss, Schloss Thé-udisk.

Die Verse klammerten sich an ihn. Es wohnte ihnen ein Zauber inne,

Der ihn packte, sobald er sie las, die Zeilen, die für ihn bestimmt.

Wann ein Zauber sich entfaltet, das ist oft sehr schwer zu sagen,

Das hängt ab von Ort und Zeit, Gemütszustand und ob der Geist

Bindung hat zu diesen Worten. Dante las sie nach ihrem Tod.

Es kam der Band aus ihrem Bestand. Leicht wog er in seiner Hand.

Doch schwerer wog, was er bedeutet: Gewidmet war der Band nur ihm.

Rätselhaft wahrlich war alles daran. Weil er nicht nur nicht verstand,

Was die Verse bedeuten sollten, die von Thé-udisk erzählten,

Sondern auch, weil er den Rest leider einfach nicht verstand.

Es waren Texte, das war klar. Leider nur in and’ren Sprachen,

Deren er nicht mächtig war. Auch die Rolle mit Vokabeln,

Die er sich hinzugenommen – sie begann mit ›abrogans‹ –,

Half ihm wenig, wie er sah. Denn was ›sanftmuoti‹ nun war,

Wusste er genau so wenig. Er war hier allen Wissens ledig.

Seufzend sah er schließlich auf und den geschwungenen Hügel hinab

Auf das Dorf dort unten im Tal. Es hieß ›Turm‹. Ihm war die Wahl

Des Namens klar und doch zuwider. Pragmatisch war es, auch noch bieder,

Das Dorf nach einzig dem zu taufen, das genügsam anders war.

Das war der Turm, sehr hoch, sehr alt, sehr gewöhnlich die Gestalt.

An Waldes Saum, an Dorfes Rand, war sicher, dass er hier schon stand,

Bevor hier Menschen siedelten. Was die Steine versiegelten,

Man wusst’ es nicht, denn ohne Tür oder eine Treppe dafür

Stand er da, die Wände glatt. Unerklimmbar, an Rätseln satt.

Erzählungen gab es mehr als genug von Leuten, die die Tür gefunden

Haben wollen im Mondesschein oder wenn ein Stern aufging,

Die Sonne sich verdunkelte. Und ein and’rer munkelte,

Man müsst’ am Fuß des Turmes singen. Keiner aber wusste es.

Man ging hier seinem Alltag nach, denn vom Turm konnt’ man nicht leben.

Schafe wurden hochgetrieben, Felder dort im Tal bestellt.

Einfach war das Leben hier. Man nahm die Dinge meist pragmatisch.

Also hieß das Dorf hier ›Turm‹. Kurz und knapp und einfach. Doch

Schön’re Namen ließen sich finden! Wie wäre es mit ›Distelmeer‹?

Sie blühten prächtig zu dieser Zeit, standen am Weg, bedeckten noch mehr

Die freien Hänge hinunter zum Tal. ›Murmelbach‹, das wär’ ganz schön,

Denn so munter rinnt durchs Dorf das Wasser, das sie alle trinken,

Spricht geschäftig, murmelt bedächtig, als würde er das Dorf so schützen

Vor dem Schweigen, eisig und kalt. – ›Wolkendorn‹, warum nicht so?

Oft verschwand in den jagenden Geistern die Spitze des Turms. Als ›Wolkenmeister‹

Spaltete er den Himmel fast. Wie schön war’s, wenn in Baum und Ast

Aetherias Geister hängen blieben. Nebel zuerst und danach – Rauch!

Schwarzer Rauch quoll aus dem Dorf! Es brannte dort in einem Haus!

Wenn das Feuer übergriff, war ganz ›Turm‹ bald in Gefahr!

Er musste rennen, zur Hilfe eilen, durfte hier oben nicht länger weilen!

Wie der Wind vom Berge jagt, wenn er hinterm Pass sich staute,

Um gewaltsam, brachial dahinter dann hervorzubrechen

Und er alles mit sich reißt,  was nicht stark und fest verwurzelt:

Anders nicht flog Dante ins Tal und köpfte Disteln ohne Zahl.

Unten reichten sie schon Eimer eilig eilend von Hand zu Hand,

Schöpften Wasser und gossen es in den Dachstuhl, wo der Brand

Ausgebrochen war und fraß. Es war ihr Haus. Manch einer las

Bücher auf und warf sie raus, damit sie nicht in Brand gerieten

Oder auch damit sie nicht fackelnd noch mehr Gründe bieten

Anderes in Brand zu stecken. Dante sah die Flammen lecken

Am Haus, das sie vormals bewohnte. Er glaubte nicht, dass es sich lohnte,

Hiervon etwas nur zu retten. Davon käm’ sie auch nicht wieder.

Sie war fort. Das war ein Haus. Leblos, leer und innen hohl,

Die Fenster hatten Dante immer unverhohlen angestarrt,

Höhnten der Erinnerung und grinsten finster den Verrat,

Den sie bald begehen würden, würde jemand neu einzieh’n.

Nun, wie dort die Flammen leckten, an den Rahmen züngelten,

Die Stumm nach Schutz und Hilfe schrien, erfüllte Dante grimmiger Trotz.

Sie sollten leiden und all der Spott, den er einst ertragen musste,

Sollte so vergolten sein. Die Fenster sollten brennen. Kein

Stück von ihnen sollte bestehen. Sie sollten hier und jetzt vergehen,

Wie Theóphanu verging, als auf sie der Satzbaum stürzte.

Die Schreckensbilder verdrängte er, ihren Tod. Ein halbes Jahr

Hatte er das Haus gemieden, wenn es irgend möglich war.

Die Male, die es nötig war, an dem Haus vorbeizulaufen,

Hatte er sehr stark gelitten. Die Fenster lachten dann und stritten

Unter sich, wer besser ihn mit einem Spruch zum Weinen brachte.

›Heda, weißt du, wer hier wohnte? Himmelwärts hauchend enteilt? Es lohnte

Nicht auf einen Verehrer wie dich zu warten. Sie wollt Größeres!

Der Satzbaum, der war ihr genug!‹, spottete das erste Fenster.

 ›Und der Anblick: sie – entkleidet, woran man gern die Augen weidet!‹,

Feixte das Fenster an ihrem Bett. ›Ja, du wolltest ganz viel lernen!‹,

Johlte das am Schreibtisch dann. Es troff nur so vor Ironie.

›Darum warst du täglich hier: Ein Vorwand war’s sie anzuschmachten!‹,

Rief das Fenster bei der Tür. Wie immer minimal subtil.

So höhnten die Fenster, ging er vorbei, voll von Spott und Schadenfreude.

Jetzt jedoch hört’ er sie wimmern, zittern, betteln und schluchzen und jammern.

Sie riefen um Hilfe. Es war Musik in Dantes Ohren. Es war Musik.

›Wie konnten wir sein Kommen sehen? Den Zauber, den er aktiviert?

Rettet uns vor seinen Flammen! Wir reißen fortan uns zusammen!‹

Dante lauschte genüsslich ihnen und regte keine Hand zur Tat.

Wie hilfsbedürftig sie auch schienen, für ihn gab’s keinen bess’ren Rat,

Als wären sie im Brand gestorben. Diese Fenster war’n verdorben.

Er weidete sich am Anblick des Brandes, während die and’ren aus dem Dorf

Rannten und schöpften und retteten, was es noch zu retten gab.

Niemand nahm Notiz von Dante und wenn doch, so dachte man,

Dass er wohl zurecht sehr litt, wie das Haus er brennen sah.

Schließlich hatte Theóphanu für Dante viel, sehr viel bedeutet.

Darum nahm auch niemand wahr, wie grimmig er auf die Fenster sah.

Niemand ahnte, welcher Strom im Inneren von Dante malmte.

Voll von Zorn, verdrängtem Leid, Trauer, die zu Wut geworden.

Gedanken, die er niemandem zeigt. Nach außen war er wächsern, bleich.

Ein Schleier hielt all das verborgen, das tiefe Schwarz im Herzensreich.

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3 Antworten zu „Teil 1: In ›Turm‹; Kapitel 1: Brand“

  1. Avatar von Valeria Politino
    Valeria Politino

    Liebe das neue Design!

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    1. Es war zwar eher Zufall, dass ich mich dafür entschieden habe, aber ich finde, das wirkt auch wesentlich besser als das alte pseudomoderne Foto-Studio-Design. Freut mich, dass es dir gefällt :)

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    2. Ich auch!

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